Bassa – Tiefe – nennen Einheimische die Poebene zwischen den Städten Mantova und Modena. Über diese monotone Landschaft aus Maisfeldern hat Luca Marchesi mehrere Bücher verfasst, er bezeichnet sie selbstbewusst als "Harry-Potter-Romane der Bassa." Jetzt ist er unterwegs zu einer Lesung mit dem "bibliobus", einer fahrenden Bibliothek. Er sagt: "Weil die Menschen auch nach geistiger Nahrung verlangen, wenn ringsum alles in Trümmern liegt". Er zeigt auf einen Haufen Ziegelsteine hinter einem schilfumsäumten Graben, der einmal ein Turm war. Er sagt, als Kind sei er mit Freunden oft um die Torre di Castellina herumgeschlichen. Auch in seinen Geschichten spiele der legendenumrankte Turm eine wichtige Rolle. "Ich hätte nie geglaubt, dass es ihn bald nicht mehr geben wird."

Noch immer zittert die Erde in der norditalienischen Region Emilia Romagna . 32 Tote zählte man seit dem ersten Beben in der Nacht auf den 20. Mai. Die Altstädte von Cavezzo, San Felice sul Panaro und Mirandola sind größenteils zerstört , zahlreiche Gebäude in der Umgebung müssen abgerissen werden. Schätzungen zufolge betragen die Schäden 15 Milliarden Euro. Außerdem sind viele kulturelle Sehenswürdigkeiten verloren. Und noch immer leben einige Tausend Menschen in provisorischen Unterkünften , viele von ihnen finden keine Arbeit.

"Wir haben Glück gehabt", sagt Luca Marchesi. "Niemandem in der Familie ist etwas Ernsthaftes passiert, unsere Wohnung in Medolla zeigt nur minimale Risse." Er ist inzwischen mit der rollenden Bibliothek im Campo Friuli Venezia Giulia angekommen, einer Siedlung aus sonnengebleichten Zelten am Rand von Mirandola. Eine elegant gekleidete Dame gesteht, dass sie sich eigentlich nicht für Bücher interessiere. "Wenn man aber zum Nichtstun verdammt ist, freut man sich über jede Abwechslung." Etwa 20 vorwiegend ältere Menschen kommen zur Lesung, mit höflichem Applaus wird der Autor verabschiedet.

Sonst lässt sich kaum einer der Bewohner der Zeltstadt blicken. Die wenigen, die unterwegs sind, sind verschlossen und wirken müde. Die perfekte Ordnung rund um die Notunterkünfte fällt auf. Nichts liegt hier herum, kein vergessenes Kleidungsstück, kein Papierschnipselchen, keine leeren Getränkeflaschen. Hinter Zeltwänden flackern Fernsehgeräte, gedämpfte Stimmen sind zu hören. Ordnung wird offensichtlich umso wichtiger, je weniger sich das Leben planen lässt.

Mohammed, ein großer, schlanker Mann aus Marokko, erklärt sich schließlich bereit, etwas über sich zu erzählen. "Unseren Kindern gefällt es hier, sie werden von den Pfadfindern betreut. Nur am Weinen der Mutter merken sie, dass nicht alles gut ist", sagt der 40-Jährige und senkt verlegen seinen Blick. Er hat neben der Wohnung auch seine Beschäftigung in einer Zementfabrik verloren. Nun fürchtet Mohammed wie viele andere, dass hiesige Firmen ins Ausland abwandern.