"Die Menschen in der Region sind durch das Erdbeben schwer traumatisiert", sagt Don Carlo Truzzi. Der katholische Geistliche empfängt in seinem Büro, einem acht Quadratmeter großen Baucontainer am anderen Ortsende von Mirandola.  "In der Bassa wird hart gearbeitet, Geld verdienen ist wichtig." Dass sich plötzlich aller Reichtum in Luft auflöst, auf diese bittere Erfahrung sei keiner vorbereitet.

Dabei hätte in den ersten Wochen nach der Katastrophe beinahe Euphorie geherrscht, erinnert sich Don Carlo. "Wir umarmten uns alle, es gab gemeinsame Grillabende, jeder strahlte Zuversicht aus". Aber heute, "in der zweiten Phase", drohe Resignation. Acht Erdbebenopfer hat die Gemeinde Mirandola zu beklagen. Die Menschen fragen nach dem tieferen Sinn, sagt Don Carlo. Aber zur allabendlichen Gebetsstunde kommen nur sehr wenige.

Die Krise könnte auch eine Chance sein. Das behaupten zumindest alle politischen Vertreter von San Felice und Mirandola. Andrea Venturini zitiert den Dalai Lama : "Nicht dem Vergangenen nachtrauern, sich vom Materialismus befreien", so habe das geistliche Oberhaupt der Tibeter bei seinem Besuch im Juni gepredigt, sagt der Gemeinderatspräsident von Mirandola. Er trifft sich an diesem Nachmittag mit Kollegen der Nachbargemeinde in einem Lagerraum in der Via Casarino von San Felice, wo vorübergehend die Stadtverwaltung untergebracht ist.

" L'Aquila ist das Negativbeispiel!", meint Venturini. Er sei kürzlich in die Abruzzische Hauptstadt gereist, die 2009 ein schweres Erdbeben erlebte. "Dort lebt ein Großteil der Bevölkerung noch immer in eilig hochgezogenen Trabantensiedlungen. Man munkelt auch von Hilfsgeldern, die in Mafiakreisen versickerten." Nur wie man es besser machen will, bleibt ziemlich unklar. Einer der versammelten Kommunalpolitiker schlägt vor, beim Wiederaufbau ökologische Materialien zu verwenden. Ein anderer verweist auf autochtone Rebsorten, die die Bauern anstelle des Mais anpflanzen sollten.

Das historische Zentrum von Mirandola gleicht einer Geistersiedlung. Auf der Piazza della Costituente steigt ein Mann vom Fahrrad und beobachtet, wie ein Kran das Dach des Castello dei Pico emporhebt – die geborstenen Mauern können das Gewicht nicht mehr tragen. "Es wurde uns schnell Unterstützung zugesichert", sagt der Radfahrer und deutet auf eine Gasse hinter der eingestürzten San Francesco-Kirche. Dort hätte er ein Elektrofachgeschäft. "Aber keiner weiß Genaueres, deshalb rührt sich bisher nichts." Immerhin: das Caffé Del Teatro an der Piazza hat schon geöffnet. Die allermeisten Geschäftsleute jedoch arbeiten jetzt in Baucontainern am Stadtrand.

Dort, wo die Äcker anfangen, befindet sich auch das Haus von Elisabetta und Giuseppe Veronesi. Vor einigen Jahren erhielt das stattliche Gebäude einen neuen Anstrich, heute braucht es ein hölzernes Stützkorsett, sonst würde es auf die Straße fallen. Elisabetta, eine flinke 80-Jährige mit kurzen grauweißen Haaren, konnte ihre Blumen retten, dutzende Fuchsien- und Geranientöpfe, die nun unter einem Wellblechdach im Garten auf bessere Zeiten warten. Nebenan hausen die beiden Alten in einem Campingwagen. "Im nebligen Winter werden wir uns zanken", brummt Giuseppe Veronesi, ein kleiner Mann, 82 Jahre alt. Bis dahin vertreibt sich der ehemalige Straßenarbeiter die Zeit mit Angeln und Rasenmähen. "Oft sitzt er auch nur da und starrt auf das kaputte Haus", tuschelt Elisabetta in einem unbeobachteten Moment. "Wir haben es für unsere Kinder gebaut, jetzt erben sie eine Ruine."