Die islamistische Variante des Feminismus – Seite 1

Meriem Bourguiba-Laouiti ist zufrieden. "Die Proteste waren ein Erfolg, das Medienecho ist groß." Bourguiba-Laouiti, die Enkelin von Tunesiens erstem Staatspräsidenten Habib Bourguiba und Mitglied der säkularen Joumhouria-Partei, gehört zu den Koordinatorinnen der Proteste, die am vergangenen Montag in ganz Tunesien stattfanden . "Gleichheit in der Verfassung!" und "Frauenrechte sind nicht verhandelbar!" war auf den Straßen zu hören.

Ihr Ärger richtet sich gegen einen Entwurf für Artikel 28 der künftigen Verfassung Tunesiens. Vor allem die Abgeordneten der islamistischen Ennahda-Partei hatten wenige Tage zuvor dafür gestimmt, Frauen in der Verfassung als "Ergänzung des Mannes" zu bezeichnen. Das Datum der Proteste war kein Zufall: Am 13. August 1956 wurde das tunesische Familienstandgesetz verabschiedet, das bis heute eines der fortschrittlichsten in der islamischen Welt ist. Seitdem wird der 13. August in Tunesien als nationaler "Tag der Frau" gefeiert. "Genau das richtige Datum, um die Gleichheit zwischen den Geschlechtern zu betonen", findet Meriem Bourguiba-Laouiti.

Mehrezia Labidi hingegen versteht die Aufregung nicht. Sie behauptet: "Ergänzung bedeutet nicht zwangsläufig Ungleichheit". Die 49-jährige Vize-Präsidentin der verfassungsgebenden Versammlung Tunesiens ist eines der bekanntesten Ennahda-Mitglieder. Dass die konservative Partei eine Frau für dieses Amt nominierte, überraschte Kritiker im vergangenen November. Auf den ersten Blick wirkt die kopftuchtragende Labidi sanft und geduldig. Wenn es aber um ihre Mitstreiterinnen geht, wird sie energisch: "Die Frauen in meiner Partei sind nicht nur hübsches Beiwerk", erklärt Labidi, "es sind Frauen, die gegen ein despotisches Regime kämpften. Nun kämpfen sie für die Neuordnung unseres Landes ." 41 der insgesamt 89 Ennahda-Abgeordneten in der Verfassungsgebenden Versammlung sind Frauen, damit stellt die Partei die meisten weiblichen Abgeordneten.

Ursache dafür ist, dass die Unterdrückung von Ennahda-Mitgliedern und deren Angehörigen der Bewegung auch in der weiblichen Bevölkerung viel Solidarität verschaffte. "Viele dieser Frauen haben ihr politisches Bewusstsein als Ehefrau, Mutter oder Schwester unter dem Ben-Ali-Regime entdeckt", erklärt Monica Marks, die Nahost-Expertin von der Universität Oxford, die seit der Revolution regelmäßig weibliche Ennahda-Mitglieder befragt hat. Sie sagt: "Sie stammen aus religiösen Familien, in denen die Männer aufgrund ihres Glaubens drangsaliert und inhaftiert wurden." Während der Abwesenheit ihrer Männer, Brüder und Väter hätten die Frauen die Führung übernommen – zu Hause, aber auch in Familienbetrieben. Dieses Engagement schlug sich bei den Wahlen im Oktober 2011 zugunsten der Ennahda-Partei nieder.

Feminismus unter Verdacht

  "Mit den Ennahda-Frauen identifizieren sich viele Wählerinnen, weil sie ähnliche Erfahrungen unter Ben Ali gemacht hatten: Berufliche Diskriminierung etwa, weil sie ein Kopftuch trugen", sagt Monica Marks. Gleichzeitig biete die Partei mit ihrer "islamischen Variante des Feminismus" eine Alternative für tunesische Frauen, die den Begriff des Feminismus vor allem mit dem ehemaligen Regime assoziieren. Ben Ali kontrollierte nahezu alle Frauenorganisationen des Landes. Seine Unterstützung der Frauenrechtlerinnen diente aber vor allem der Imagepflege nach außen.

Das sorgsam gepflegte Bild vom säkularen Vorzeigestaat hielt Ben Ali wie ein Schutzschild ausländischen Beobachtern entgegen, die mangelnde demokratische Strukturen im Land kritisierten. Auch innenpolitisch nutzte der Diktator den Kampf für die Frauenrechte für sich: Obwohl offiziell unabhängig, waren die Frauenorganisationen an die Vorgaben des Regimes gebunden. Einer tatsächlichen politischen Partizipation konnte Ben Ali auf diese Weise vorbeugen. Maßnahmen wie die Durchsetzung der Frauenquote entsprangen nicht Ben Alis Überzeugung von der Gleichheit der Geschlechter, sagt Monica Marks: "Er hat die Menschen mit solchen Schritten ruhig gestellt."

Als Gesicht dieses verordneten "Staatsfeminismus", der eng mit einem strikten Säkularismus verbunden ist, galt jahrzehntelang Leila Trabelsi , die Ehefrau Ben Alis. Trabelsi war Präsidentin der größten Frauenorganisation des Landes, der Union Nationale de la Femme Tunisienne (UNFT) . Sowohl der UNFT als auch der zweitgrößten Frauenorganisation des Landes, der Association Tunisienne des Femmes Démocrates (ATFD), wird nun ihre enge Bindung an das ehemalige Regime vorgeworfen.

Die Ennahda-Partei gehört zu den lautesten Kritikern der Frauenorganisationen – nun steht sie selbst in der Kritik. Immer wieder hat die Führung der Partei beteuert, das Familienstandgesetz nicht anzutasten. Die Tunesier und Tunesierinnen werden darauf zukünftig noch genauer achten. Dafür hat die Partei mit ihrer Wortwahl im Verfassungsentwurf nun selbst gesorgt.