Auf den ersten Blick wirkte die Entscheidung des Berliner Justizsenators wie ein Befreiungsschlag: Beschneidungen, so hatte Thomas Heilmann am Mittwoch erklärt, sollen in der Hauptstadt grundsätzlich möglich sein . Das Aber folgt auf dem Fuß – und hält vor allem für jüdische Eltern eine Demütigung bereit. Wenn sie künftig tun wollen, was Juden seit 4.000 Jahren tun, müssen sie neuerdings in der Weltstadt Berlin drei Bedingungen erfüllen.

Erstens sollen sie die " religiöse Notwendigkeit " der Beschneidung vor Eintritt der Religionsmündigkeit nachweisen. Zweitens müssen die Eltern sich von einem Arzt über die möglichen medizinischen Folgen aufklären lassen. Und schließlich muss drittens die Beschneidung von einem Arzt vorgenommen werden. Damit scheidet der jüdische Mohel, der Beschneider der Gemeinde, aus. Das bedeutet wiederum, dass die Feier, die zur Begrüßung des Säuglings im Kreis von Familien und Freunden stattfindet, ein gutes Stück ihrer Intimität verliert. Der Senats-Beschluss läuft damit auf eine lex judaica hinaus.

Eine Nische für Exzentriker

Dieser Beschluss muss für Betroffene wie eine Rückkehr zum herablassenden Toleranz preußischer Edikte wirken: Man gewährt den archaischen Exzentrikern eine kleine Nische.

Eine Gruppe von Berliner Juden, das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus , hatte sich schon vor Bekanntwerden der Berliner Entscheidung entschlossen, gemeinsam mit muslimischen Verbänden, gegen die Stimmungsmache gegen Beschneidung am kommenden Sonntag auf die Straße zu gehen. "Wir sind entsetzt", heißt es in dem Aufruf, "über eine von Vorurteilen und diffusen Ängsten geprägte Diskussion, die teils hysterische Züge annimmt und antisemitische und antiislamische Stereotypen bemüht". Juden und Muslime stünden plötzlich als Kinderquäler da, als schlechte und lieblose Eltern, die an wehrlosen Kindern angeblich archaische und blutige Rituale vollführten.

Gemeinsame Demonstration von Juden und Muslimen

Anders als auf Bundesebene konnten sich in Berlin jüdische und muslimische Verbände einigen: Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Kenan Kolat , wird am Sonntag auf der Demonstration sprechen. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Nach  zwei Überfällen auf Juden in Berlin waren harte Worte gefallen, weil die muslimischen Verbände im Umgang mit Antisemitismus in den eigenen Reihen oft beide Augen zudrücken.

Regisseur Levi Salomon, geboren im ehemals sowjetischen Baku , ist einer der Initiatoren der Demonstration. Seine Mutter hatte ihn heimlich zu einem Mohel gebracht, weil Rituale wie die Beschneidung im kommunistischen Russland bestenfalls im Untergrund geduldet wurden. Der Gedanke, dass jüdische Geistliche jetzt ausgerechnet in Deutschland mit Verfolgung rechnen müssen, lässt ihm keine Ruhe. "Niemand muss sich für Beschneidungen begeistern. Aber Respekt können wir verlangen."