Einer der in Wien Angeklagten, Wilhelm A., sagte aus, er betreibe mit Robert M. die "Arbeitsgemeinschaft" Perfect Privacy – eine erfolgreiche Internetfirma, die Verschlüsselungsdienstleistungen gegen Gebühr anbietet. Kunden sind Hacker, aber auch Rechtsextreme, die sich unerkannt im Netz bewegen wollen. Schon als 2007 das Thiazi-Forum gegründet wurde, soll Robert M. die Moderatoren im Umgang mit verschlüsselter Kommunikation geschult und ihnen die nötige Software eingerichtet haben.

Aus Sicht der Ermittler ist M. ein "Logistiker digitaler Netzstrukturen des rechten Spektrums", der "als Domaininhaber, Administrator und Lieferant von Verschlüsselungsdienstleistungen in Erscheinung getreten" ist. Er soll im Oktober per Videokonferenz vor dem Wiener Straflandesgericht aussagen.

Erst spät distanzierte sich der Chaos Computer Club von dem Nazi-Techniker

Für Diskussionen sorgte der Fall auch in der Hacker-Szene. Robert M. ist Vorsitzender eines Vereins, der den Attraktor betreibt, einen "Hacker- & Makerspace" in Hamburg. Unter anderem tagte dort die Hamburger Ortsgruppe des Chaos Computer Clubs (CCC). Als Antifaschisten M. bei den CCC-Hackern als "Nazi-Techie" enttarnten, reagierten die zunächst nicht. Später hieß es, M. sei nach eigenen Angaben 2008 aus der rechten Szene ausgestiegen. Die österreichischen Behörden gehen allerdings davon aus, dass M. Administrator beim erst 2009 gegründeten alpen-donau.info war und später dabei half, den Thiazi-Server zu wechseln. Inzwischen hat sich der CCC vom Attraktor distanziert.

Die Hamburger Ermittler verdächtigen zwei weitere Rechtsextreme, alpen-donau.info als Administratoren betreut zu haben. Der Burschenschafter Michael J. chattete nach Informationen von Szenekennern in Internet-Foren unter dem Spitznamen "Langemarck" und schrieb etwa zum Geburtstag Adolf Hitlers: "Sein Licht brennt auch in dieser tiefen Dunkelheit und verhilft manchem Deutschen zu etwas Wärme und Hoffnung."

Der dritte im Bunde, Jörg L., wurde im Frühjahr in Herzberg, rund 60 Kilometer nordwestlich von Berlin, tot in einer Pension aufgefunden. Der Mitvierziger soll an einem Herzinfarkt gestorben sein – und einen Rucksack voll Waffen bei sich gehabt haben. Der Fund löste Razzien in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Brandenburg aus. Der Verdacht: Verstöße gegen das Waffengesetz und Bildung einer bewaffneten Gruppe.

In Österreich erregt der Prozess um Küssel und seine Gesinnungsgenossen großes Aufsehen. Die Medien berichten von jedem Verhandlungstag, auch wegen Verbindungen zur rechtspopulistischen Partei FPÖ. In Deutschland hat das Vorgehen der Behörden gegen das Thiazi-Netz bisher ebenso wenig Beachtung gefunden wie die Spur, die aus Wien zu Robert M. und seinen bewaffneten Mitstreiter Jörg L. führte. Die Medien konzentrieren sich auf die Aufarbeitung der NSU-Mordszene – die Strukturen, durch die der Rechtsterror möglich wurde und wieder möglich werden kann, geraten aus dem Blick.