Schlecht behandelt, belogen, verunglimpft – so sieht sich Helmut Roewer , der hoch umstrittene Ex-Chef des Thüringer Verfassungsschutzes. Das wusste man eigentlich schon aus seinen beiden Vernehmungen vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages : die nutzte er, um jegliche Mitschuld an der missglückten Fahndung nach den drei Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt , Uwe Mundlos und Beate Zschäpe von sich zu weisen . Jetzt hat der 63-Jährige auch noch ein Buch veröffentlicht. Nur für den Dienstgebrauch. Als Verfassungsschutzchef im Osten Deutschlands heißt es – und will eine schonungslose Abrechnung zur Situation der ostdeutschen Geheimdienste und  Politik nach der Wende sein. Doch es ist letztlich das 280 Seiten starke verschwurbelte Werk eines verbitterten Mannes, das auf die entscheidenden Fragen kaum Antworten gibt.

"Jetzt geht es um die Bombenbauer"

Von 1994 bis 2000 war Roewer Verfassungsschutzchef in Thüringen , in der Zeit also, in der die drei jungen Rechtsextremisten aus Jena  sich radikalisierten und schließlich in den Untergrund abtauchten. Für die damals offenbar chaotische und sehr unkonventionelle Führung seines Amtes ist der Ex-Geheimdienstler von den aufklärenden Untersuchungsgremien harsch kritisiert worden

Doch bei Roewer ist von Einsicht keine Spur: Er sei den untergetauchten Terroristen "um Millimeter" auf der Spur gewesen, aber behindert worden. In seinem Buch beginnt der Autor die Ausführungen zu den Terroristen, die mutmaßlich zehn Menschen ermordeten, mit einem reichlich saloppen: "Jetzt geht es um die Bombenbauer." Das Kapitel ist – ebenso schnoddrig – mit "Die drei" überschrieben.

Vorwürfe an die Polizei

Roewer stellt darin seine Sicht der Dinge klar: Schuld haben die anderen. 1997 habe er den Hinweis aus der rechtsextremen Szene, dass Uwe Böhnhardt mit Sprengstoff hantiere und bevorzugt mit zwei Personen seines Alters zusammen sei, an die Polizei weitergegeben, schreibt Roewer. Weil er persönlich mit Arbeit zugeschüttet gewesen sei, habe er erst Anfang 1998 erfahren, dass die drei Rechtsextremisten in den Untergrund gegangen seien und der Polizeizugriff fehlgeschlagen sei. Eigentlich sei das "Einfangen dieser jungen Leute eine Polizeiroutine", schreibt Roewer. Er habe damals überlegt, ob bei der Polizei "alles mit rechten Dingen abgelaufen ist, ob nicht nur Dummheit, sondern auch Absicht im Spiel war". Getan habe er nichts, denn er sei ja kein "Hellseher, der ahnt dass aus dieser Polizeipanne eine Art polizeilicher Totalschaden werden wird."

Überhaupt, die Polizei: Der Umgang mit den verunsicherten ehemaligen DDR-Volkspolizisten sei das schwierigste bei seiner Tätigkeit gewesen. Ostdeutschland sei damals ein "Paradies" für Straftäter gewesen, Rechtsextremisten hätten dort ihr "Eldorado" gefunden, sagte Roewer bei der Buchvorstellung.

Schwere Vorwürfe erhebt er auch gegenüber der Eltern von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Diese hätten nach Abtauchen des Trios Kontakt zu ihm gesucht "mit der absurden Vorstellung, dass die Herren Söhne mit Hilfe meiner Behörde aus der Sache rauskommen". Sie hätten ihm aber verschwiegen, dass sie wussten, dass die drei sich in Chemnitz versteckten. So sei man den dreien nicht auf die Spur gekommen. Nach seinem Abgang wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten im Jahr 2000 habe sich niemand mehr für den Rechtsextremismus in Thüringen und die drei Abgetauchten interessiert, behauptet Roewer außerdem.

Einen weit größeren Teil des Buches nehmen die Klagen des umstrittenen Ex-Geheimdienstlers über die unfreiwillige Zeit in Ostdeutschland nach der Wende ein: "Der Start in Erfurt war keine Freude." Man habe ihn mit der indirekten Drohung eines Karriereknicks von seiner früheren Tätigkeit im Bonner Bundesinnenministerium nach Erfurt abkommandiert, schreibt der gelernte Jurist.

 Nicht Ludendorff dargestellt

Der Leser erfährt in den äußerst ausführlich und blumig gehaltenen Ausführungen, dass Roewer zunächst im "dunstig grauen" Erfurt voller "Abbruchhäuser" keinen Wohnraum in öffentlicher Hand gefunden habe, weil er laut den örtlichen Behörden "zu reich" gewesen sei. In seiner ersten Unterkunft sei der Duschvorhang verschimmelt gewesen und überall habe es nur Bratwurst zu essen gegeben.

Ausführlich lästert der Autor auch über die thüringische Mundart, sein "verwahrlostes" Büro in den Anfangszeiten und die angeblich allesamt unfähigen Kollegen sowie "Firmenplünderer" und "Weltverbesserer" aus dem Westen, die sich in den Jahren nach der Wiedervereinigung in Erfurt angesiedelt hätten: "Ein wirres Panoptikum schwadronierender Gestalten, Schwindler, Zahlenfälscher zuhauf, darunter finstere Betrüger und Einfaltspinsel."

"Ironisches Straßentheater"

Roewer bestätigt die Anekdote über seine Ernennung zum Landesverfassungsschutzpräsidenten: Er habe sie um 23.00 Uhr nach einem Kneipenbesuch von einem Abteilungsleiter des Innenministeriums zugesteckt bekommen: "Den Rest des Abends habe ich nur noch schemenhaft in Erinnerung."

Roewers Buch ist in einem umstrittenen österreichischen Verlag erschienen, in dem auch rechtslastige Autoren publizieren. Dazu scheint zu passen, dass ein Bild des ehemaligen Verfassungsschutzchefs aus dem Jahr 1999 existiert, auf dem er als General und Hitler-Unterstützer Erich Ludendorff kostümiert sein soll. Doch in Roewers Erinnerung ist alles anders gewesen: Er habe damals ein "ironisches Straßentheater" anlässlich des Europäischen Kulturhauptstadtjahres veranstaltet, schreibt er. Bei dem Spektakel sei er gar nicht als Ludendorff verkleidet gewesen, sondern als Max Hoffmann, Ludendorffs "scharfen Kritiker". Alles sei also ganz harmlos.