Wegen Beleidigung des Islams ist der türkische Pianist Fazil Say vor einem Istanbuler Gericht angeklagt. Fay soll sich im April in einer Nachricht auf Twitter über einen Gebetsaufruf lustig gemacht haben, der lediglich 22 Sekunden dauerte. "Warum so eine Eile? Hast du eine Geliebte, die auf dich wartet, oder einen Raki auf dem Tisch?", soll der Künstler geschrieben haben.

Über den Kurznachrichtendienst hatte er noch weitere kritisch oder spöttisch formulierte Äußerungen verbreitet, die Frömmelei und Scheinheiligkeit auf die Schippe nahmen. "Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt? Überall wo es Schwätzer, Gemeine, Sensationsgierige, Diebe, Scharlatane gibt, sie alle sind übertrieben gläubig. Ist das ein Paradoxon?" lautete einer der in der Anklage genannten Tweets. Drei türkische Bürger hatten Say daraufhin angezeigt und ihm vorgeworfen, die islamische Religion und ihre Anhänger beleidigt und religiöse Werte öffentlich herabgewürdigt zu haben.

Der Pianist wies die Vorwürfe zu Beginn des Prozesses zurück und forderte einen Freispruch. Die Verhandlung wurde bereits nach etwa einer Stunde auf den 18. Februar 2013 vertagt. Wegen des weiter laufenden Verfahrens wolle sich Say zunächst nicht öffentlich äußern, teilte sein Management mit. Ihm drohen bei einer Verurteilung bis zu 18 Monate Haft. Aus Rücksicht auf seine Konzerttermine muss Say bei künftigen Anhörungen nicht mehr vor Gericht erscheinen.

Gegner der regierenden AKP

Der 42-Jährige ist bereits mit der New Yorker Philharmonie und dem Berliner Symphonieorchester aufgetreten. Er gehört international zu den bekanntesten Künstlern der Türkei . 1994 hatte er beim europäischen Nachwuchswettbewerb für Musiker den ersten Preis gewonnen und damit den Durchbruch geschafft.

Politisch hat sich der bekennende Atheist Say mehrfach kritisch über die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan geäußert und erklärt, er denke darüber nach, das Land zu verlassen.

Vor dem Gericht demonstrierten knapp 100 Menschen gegen den Prozess. Auch international erhielt Say Unterstützung. Politiker mehrerer Fraktionen des Bundestages äußerten sich in einer Erklärung besorgt über die Umstände und bezeichneten die Strafandrohung als unverhältnismäßig. "In einem demokratischen und säkularen Rechtsstaat dürfen bloße Meinungsäußerungen nicht zu dem Vorwurf eines schweren Verbrechens und zu langen Freiheitsstrafen führen", hieß es in der Erklärung, die die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen vorgelegt hatte.