ZEIT ONLINE: Nun weist die Studie darauf hin, dass vor allem junge oder ungebildete Eltern ihre Kinder mit Medikamenten behandeln lassen.

Streif: So einfach ist das nicht. Mehrere Faktoren führen zu einem Ergebnis, wie die Barmer-Studie es erbracht hat. Erstens informieren sich gebildete Eltern eigenständig über pädagogische und medizinische Belange, was heute über das Internet leicht möglich ist. Dabei stoßen sie zwangsläufig auch auf viele ADHS-kritische Publikationen und hinterfragen die Empfehlungen. Das ist gut so, führt aber auch zu vielen unnötigen Ängsten. Zweitens begleiten Eltern aus der bildungsbürgerlichen Schicht die Entwicklung ihrer Kinder oft aufmerksamer. Die Zahlen der Barmer sprechen dafür, dass zunächst sehr viele medikamentöse Behandlungen eingeleitet werden, die rasch wieder abgebrochen werden. Weniger gebildete und vermehrt autoritätsgläubige Eltern aus bildungsferneren Schichten setzen die Behandlungen fort, solange die Fachleute sie für sinnvoll erachten. Das geschieht auch – ein dritter Faktor – weil sie häufig einem stärkeren sozialen Druck von Lehrern und Erziehern ausgesetzt sind. Sie raten den Eltern, mit dem vermeintlich verhaltensauffälligen Kind zum Psychologen oder Arzt zu gehen, da sie nicht in ihre erzieherischen Kompetenzen vertrauen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man Eltern und Kindern helfen, wenn es sich wirklich um ADHS handelt?

Streif: Medikamente können vor allem sehr stark betroffenen Kindern nutzen, wenn sie also sehr impulsiv, unaufmerksam und unruhig sind. Im Alltag von Schule und Familie muss die medikamentöse Behandlung aber mit einer guten Erziehung und sinnvollen Strukturierung des Alltags einhergehen. Auch eine Stunde Verhaltenstherapie in der Woche kann nicht gegen die vielen Stunden in Familie und Schule anstinken, wenn dort Überforderung und Chaos herrschen. Deshalb sollten Familien mit betroffenen Kindern stets pädagogisch und therapeutisch begleitet werden, damit sie ein Familienleben schaffen, in dem das Kind, aber auch Eltern und Geschwister sich so wohl fühlen.

ZEIT ONLINE: Das hört sich einfach an.

Streif: Ist es aber für alle Beteiligten nicht. Ich habe beispielsweise mit einer Familie gearbeitet, in der ein ausgeprägt hyperaktives Mädchen lebt. Vor Silvester hat sie trotz Verbots mit Böllern gespielt und einer der Böller ist in ihrer Hand explodiert. Nachdem die große und schmerzhafte Wunde im Krankenhaus versorgt worden war, habe ich sie Stunden später wieder mit einem Böller in der verbundenen Hand angetroffen. Diese Familie hat mehrere Kinder, die Eltern können eine permanente Überwachung des Mädchens nicht leisten. Die Folge sind gestresste Eltern und mitleidende Geschwister. Alle erzieherische Aufmerksamkeit und ein Gutteil der Liebe werden von diesen Kindern absorbiert. Irgendwann sind alle unglücklich. Das ADHS-Kind, weil es spürt, dass es die Erwartungen seiner Umwelt nicht erfüllt. Die Eltern, die sich im Alltag nurmehr überwachend, schimpfend und strafend erleben. Bisweilen ist es trotz der üblichen Erziehungstipps von Pädagogen und Psychologen, die wenig von der ADHS verstehen, sinnvoller, nicht stets gemeinsam zu essen oder selbst mit dem Kind die Hausaufgaben zu machen. Es geht darum, einen Familienalltag zu schaffen, der jeden Tag wenigstens zehn Minuten der glücklichen Gemeinschaft ermöglicht. Nur dann wird das Kind begreifen, dass es alle Anstrengung wert ist, das eigene Verhalten besser zu steuern, um ein Teil dieser Familie zu sein.

ZEIT ONLINE: Kann Bewegung helfen?

Streif: Ja, Bewegung ist ein wichtiger, vielleicht der wirksamste Bestandteil in der nichtmedikamentösen Therapie von ADHS-Kindern, weil sie den Kindern Spaß macht und diese daher gerne mitmachen. Allerdings geht es nicht einfach ums Auspowern, wie viele denken, sondern um von außen angeleitete Bewegung, die die Verhaltenssteuerung übt. Das wirkt auch positiv in anderen Bereichen als der Bewegung. Dabei ist es egal, ob das Kind Unterricht im Turnen, Klettern, Schwimmen, Schlagzeug- oder Klavierspiel nimmt, solange es den Neigungen des Kindes entspricht. Alleine reicht die Psychomotorik jedoch nicht.

ZEIT ONLINE: Von Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsstörungen spricht man seltener. Sie selbst leiden seit ihrer Kindheit darunter. Verliert sich das?

Streif: Bei manchen ja. Viele frühere ADHS-Kinder haben jedoch auch gelernt, mit ihren Problemen zu leben. Als Erwachsener ist man weniger gezwungen, stundenlang in kollektiven Zwangsstrukturen wie Klassenzimmern zu sitzen. Ein Großraumbüro, in dem man mit 20 Kollegen acht Stunden täglich an Computer und Telefon verbringt, ist für ADHS-Betroffene kein guter Arbeitsplatz. Doch wenn sie eher für sich arbeiten, bei hinreichender Selbstdisziplin ihre Zeit selbst einteilen können, interessante Tätigkeiten an wechselnden Orten ausführen, dann können viele trotz einiger Probleme ein normales Leben führen. Wenn Sie mich jetzt sehen würden, wie ich durch den Raum laufe und mit den Armen gestikuliere, während ich telefoniere – manche Dinge verlieren sich nie.