Als sie Kinder bekamen, waren diese von Geburt an in die Strukturen der Sekte eingebunden, erzählt er. "Wir haben sie zu allen Veranstaltungen mitgenommen." Sobald die Kinder der Zeugen Jehovas in der Schule sind, müssen sie für die Sekte kleine Leseaufgaben erledigen, Bibelstellen interpretieren und den Gottesdienst mitgestalten. Häufig seien seine Kinder abends völlig erschöpft ins Bett gefallen oder während der Versammlung eingeschlafen, sagt Schmidt. "Das alles neben der Schule zu schaffen, war ein Kraftakt für sie."

Weihnachten, Ostern und Geburtstag sind tabu

Die Zeugen Jehovas verweigern sich der übrigen Gesellschaft nicht nur, indem sie Bluttransfusionen verbieten, weder zu Wahlen noch zum Militär gehen. Auch christliche Feste wie Weihnachten oder Ostern lehnen sie als heidnisch ab, Geburtstage feiern sie nicht. "In der Schule gab es Probleme", sagt Schmidt. "Dort gelten Kinder, die anders sind, schnell als Außenseiter. Während die Klassenkameraden meines Sohns Ballermann III gespielt haben, hat sich mein Junge mit einem Häschenspiel beschäftigt." Schmidt lacht kurz. "Kriegsspiele oder pornographisches Material gab es bei den Zeugen Jehovas nicht. Zumindest nicht offiziell."

Manchmal, sagt Schmidt, habe er seinen Sohn geschlagen, bei den Zeugen Jehovas sei das üblich. "Wenn man dem Wortlaut der Bibel folgt, gilt das als legitim. Hätte ich mich davon distanziert, hätte das schwerwiegende Folgen für mich gehabt." Denn wer dem Wortlaut der Bibel nicht glaubt, wendet sich nach dem Verständnis der Sekte von Gott ab – und damit von ihr.

Leben in zwei Welten

Kontakte außerhalb der Glaubensgemeinschaft hatte Schmidt kaum noch. Denn das Weltbild der Zeugen Jehovas ist schwarz-weiß. Auf der einen Seite steht die wahre Organisation, die vom heiligen Geist und Jesus geführt wird, die Sekte also. Auf der anderen Seite steht der Rest der Welt, der vom Satan beherrscht wird und dem Untergang geweiht ist. "Wenn ich mit Arbeitskollegen einen Kaffee trinken gegangen bin, war dieser Hintergedanke immer da", sagt Schmidt leise.

"Ich musste immer versuchen, einen guten Eindruck zu vermitteln, sodass die Leute Interesse an der Sekte gewinnen." Er lebte immer in dieser Rolle. Und am Ende wurde Schmidt zu einem "Ältesten" ernannt, eine Art Vorsitzender und Aufseher der örtlichen Versammlung. Doch gerade  dort oben auf der Hierarchieleiter der Zeugen Jehovas begann er, an den Kontrollmechanismen der Sekte zu zweifeln.

Er habe einmal, erzählt Schmidt, ein Mädchen aus der Sekte ausgeschlossen, weil sie Drogenprobleme hatte und die Grundsätze der Sekte offen kritisierte. Sie galt als Abtrünnige. "Ich musste das Mädchen ausstoßen, sonst hätte es womöglich noch andere Mitglieder beeinflusst", erklärt er die Logik. Doch da er wusste, dass die junge Frau wegen ihrer Drogenprobleme dringend Hilfe brauchte, erlaubte er deren Mutter, mit ihr zu einer Drogenberatung zu gehen. Das war ein Regelverstoß, denn einem Sektenmitglied ist der Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern streng verboten.

Hätte er ihr nicht erlaubt, der Tochter zu helfen, hätte sich die Mutter wohl von ihrem Kind abgewandt, sagt Schmid. Seine Zweifel nahmen zu. "Das muss man sich mal vorstellen", sagt er heute, "wegen der Sekte hätte sie ihr Kind vor die Hunde gehen lassen!"