Als sich der neue Papst vergangenen Mittwoch hoch über dem Petersplatz in Rom den Gläubigen in weißem Gewand zeigte, wiesen wenig später die ersten Journalisten darauf hin, die Vita des frisch Gewählten habe einen dunklen Fleck. Papst Franziskus habe sich während der Zeit der argentinischen Militärdiktatur mit der brutalen und menschenverachtenden Junta eingelassen.

Der Vatikan reagierte gereizt auf die Vorhaltungen, die tagelang die Schlagzeilen beherrschten. Sie stammten von "anti-klerikalen linken Elementen", deren Ziel es sei, die Kirche anzugreifen, polterte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Ähnlich äußerte sich der emeritierte Bischof Miguel Hesayne von Viedma: "Für mich ist das eine große Verleumdung. Er hat alles unternommen, was möglich war, um verfolgten Menschen zu helfen."

Inzwischen hat sich die Aufregung etwas gelegt. Deutlichstes Beispiel dafür, dass die Vorwürfe gegen Jorge Mario Bergoglio möglicherweise nicht haltbar sind, ist der Fall des US-Dokumentarfilmers Michael Moore. Er publizierte am Tag nach der Papstwahl via Twitter ein Foto, das Bergoglio zeigt, wie er angeblich Exdiktator Jorge Rafael Videla die Kommunion austeilte. Einen Tag später löschte Moore das Foto wieder, verbunden mit einer Entschuldigung: Denn das Bild war eine Fälschung.

In Argentinien selbst lassen sich keine eindeutigen Belege dafür finden, dass Bergoglio sich während der Militärdiktatur schuldig gemacht hätte. Im Gegenteil, selbst die Regimegegner von damals verteidigen den neuen Papst. Etwa die Rechtsanwältin Alicia Oliveira: Sie verlor während der Junta-Herrschaft ihre Position als Richterin und wurde vom Regime verfolgt. Nun lobt sie die damalige Rolle Bergoglios: "Als die Junta hinter mir her war, hat er sich auf meine Seite gestellt. Ich bin von Jorges Standfestigkeit überzeugt."

"Nicht ein einziges Mal ist der Name Bergoglio gefallen"

Auch bekennende Kritiker der katholischen Kirche widersprechen den Vorwürfen. Graciela Fernandez Meijide von der "Permanenten Versammlung für die Menschenrechte" (APDH) legt sich als Befürworterin der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Straffreiheit der Abtreibung immer wieder mit den Klerikern an. Sie ist zudem die Mutter eines vermissten Opfers der Diktatur – und positioniert sich eindeutig: "Ich habe während der Militärdiktatur Hunderte von Zeugenaussagen in die Hände bekommen. Auch während meiner Tätigkeit in der Nationalen Kommission für vermisste Personen habe ich unzählige Zeugenaussagen gelesen. Nicht ein einziges Mal ist der Name Bergoglio gefallen, nicht einmal als ein möglicher Drahtzieher."

Die "Mütter des Plaza de Mayo" hatten mit ihrer Kritik am neuen Papst für Aufsehen gesorgt. Die Vereinigung von Hinterbliebenen von verschwundenen Opfern der Diktatur warf Bergoglio vor, offen mit der Junta kollaboriert zu haben. Doch inzwischen ruderten die Aktivistinnen zurück und verklausulierten ihre Anschuldigungen. Estela de Carlotto, Sprecherin der Organisation, sagte nun: "Es gibt ein Gerichtsurteil gegen die Kirche, weil sie direkte oder indirekte Teilnehmer, Komplizen und Vertuscher waren. Das ist eine sehr traurige Geschichte. Bergoglio hat dieser Kirche angehört, die Dunkelkeit über unser Land gebracht hat, und heute repräsentiert er sie."

Kronzeuge zieht Anschuldigungen zurück

Bleibt noch, als schärfster Kritiker des neue Papstes, der argentinische Journalist Horacio Verbitsky. Er hatte mit der Veröffentlichung der Vorwürfe die Debatte ausgelöst. Die Wahl Bergoglios sei "für Argentinien und Südamerika eine Schande". Er habe eine Serie von Dokumenten gefunden, die keinen Zweifel an der Zusammenarbeit von Bergoglio mit der Junta lassen. Argentinien lasse sich von einem allgemeinen Triumphgefühl leiten: "Der Papst ist aus Argentinien, die neue Königin Hollands ist Argentinierin, Maradona und Messi sind Argentinier. Aber das sagt nichts aus über Bergoglio und seine eigenen Verdienste."

Verbitskys Vorwürfe basieren auf den Zeugenaussagen der beiden Jesuitenpater Franz Jalics und Orlando Yorio, die während der Diktatur verhaftet und gefoltert wurden. Sie warfen Bergoglio einst vor, nicht genügend für ihren Schutz getan zu haben. Während Yorio mittlerweile gestorben ist, distanzierte sich Jalics von seinen Anschuldigungen von damals: "Ich kann keine Stellung zur Rolle von P. Bergoglio in diesen Vorgängen nehmen. Nach unserer Befreiung habe ich Argentinien verlassen. Erst Jahre später hatten wir die Gelegenheit, mit P. Bergoglio, der inzwischen zum Erzbischof von Buenos Aires ernannt worden war, die Geschehnisse zu besprechen. Danach haben wir gemeinsam öffentlich Messe gefeiert und wir haben uns feierlich umarmt. Ich bin mit den Geschehnissen versöhnt und betrachte sie meinerseits als abgeschlossen."

Auch von der Befreiungstheologie, die sich gegen die Militärdiktaturen in Lateinamerika auflehnte, bekommt der neue Papst Rückendeckung. Der Brasilianer Leonardo Boff ist einer der bekanntesten und überzeugtesten Verfechter dieser Strömung in der katholischen Kirche. Er trat 1992 nach einem langen heftigen Streit mit Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., und der Glaubenskongregation des Vatikans aus dem Franziskanerorden aus und ließ sich in den Laienstand versetzen. Jetzt stellt sich der Vatikan-Kritiker demonstrativ hinter Papst Franziskus: "Mich überzeugen die Vorwürfe über seine Beziehungen zur Militärdiktatur nicht. Bis heute gibt es keine konkreten Untersuchungsergebnisse. Im Gegenteil, er hat viele Verfolgte der Militärdiktatur gerettet und versteckt."