Das Internet, dies vorweg, hat die mutmaßlichen Bombenleger von Boston nicht gefasst. Das waren FBI und Polizei. Dass die Suche nach den Verdächtigen Dschochar und Tamerlan Zarnajew bereits nach vier Tagen erfolgreich abgeschlossen war, ist aber auch dem Zufall zu verdanken. Hätten die Brüder etwa nicht den Sicherheitsmann des MIT erschossen und damit auf sich aufmerksam gemacht, hätten sie womöglich die Stadt verlassen können.

Hätte, wäre, wenn, womöglich – Spekulationen gab es in den vergangenen Tagen allzu viele. Ungezählten Beiträgen in den klassischen Medien standen ein Vielfaches an Blogposts, Facebook-Postings und allein mehr als 15 Millionen Tweets mit dem Wort "Boston" gegenüber. Welche Rolle spielten klassische und soziale Medien in diesem jüngsten kollektiven Ereignis der westlichen Welt?

"Die Story gehört nicht mehr den Medien", schrieb John Herrman auf der US-Website Buzzfeed, die in den vergangenen Tagen neben den üblichen Klickstrecken mit Tierbildern ein gutes Dutzend Artikel zu den Anschlägen und der folgenden "verrückten, epischen, entsetzlichen Tätersuche" veröffentlichte. Früher, schrieb Herrman, seien die Bürger mit Informationen zu den Medien gegangen und diese hätten sie anschließend ausgewertet und der Öffentlichkeit präsentiert. Heute dagegen wüssten und sähen die Bürger meist mehr als die Journalisten. Die neue Aufgabe der Medien sei es deshalb nicht etwa, neue Informationen zu finden, sondern bereits bestehende – vor allem falsche – einzuordnen.

Es ist eine alte Erkenntnis, dass neue Medien die traditionelle Berichterstattung beeinflussen. Die Bombenanschläge in Mumbai im Jahr 2008, der Arabische Frühling und die Ereignisse von Fukushima, um jüngere Beispiele zu nennen, haben das verdeutlicht. Sie haben auch gezeigt, wie schwer hilfreiche und valide Information von Unsinn zu unterscheiden ist.

Verdächtigungen aus dem Netz in die Zeitung

Nirgends war das in diesen Tagen so offensichtlich wie auf den großen Internetplattformen 4chan und Reddit. In einem eigenen Unterforum namens Find Boston Bombers, das nach der Festnahme geschlossen wurde, begannen die sogenannten Redditors kurz nach den Anschlägen damit, Bilder vom Tatzeitpunkt auf vermeintlich verdächtige Personen hin zu untersuchen. Schnell verbreiteten sich Fotos mutmaßlicher Attentäter in sozialen Netzwerken, wurden Namen, Adressen und Hintergründe recherchiert. Dieses Doxxing, das Zusammentragen persönlicher Informationen, ist auf Reddit eigentlich untersagt. Viele Moderatoren aber drückten ein Auge zu oder reagierten nicht schnell genug.

Die Boulevardzeitung The New York Post übernahm ein Bild mutmaßlicher Attentäter und veröffentlichte es auf der Titelseite. Die Männer am Pranger waren unschuldige Marathon-Besucher. Am Donnerstag, nachdem das FBI die offiziellen Fahndungsfotos herausgegeben hatte, wanderten zwei weitere Namen durch die sozialen Netzwerke. Der Bostoner Polizeifunk, so hieß es, habe sie bestätigt. Doch das war falsch. Am Ende befanden sich unter den Verdächtigen auf Reddit und anderen Websites weder Dschochar noch Tamerlan Zarnajew.

Es wäre vordergründig und einfach, ein kollektives Versagen der sozialen Medien zu diagnostizieren: Panikmache, basierend auf Desinformation und Sensationslust, Vorurteilen und Halbwissen, vorangetrieben durch reflexhafte Retweets. Die Breaking News seien "broken", schreibt Farhad Manjoo auf Slate.com und empfiehlt, bei großen Nachrichtenlagen lieber alle Geräte auszuschalten und erst am nächsten Tag die Zusammenfassungen zu lesen.

Die klassischen Medien sind Teil des Schwarms

Leider aber verbreiteten auch vermeintlich recherchestarke Medien wie CNN oder die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) zwischenzeitlich falsche Informationen, und viele Journalisten und Reporter vor Ort ließen sich zu allzu schnellen Retweets verleiten. Und schließlich kamen neben vielen falschen Informationen eben auch viele richtige und wichtige ans Licht – unter anderem auch auf Seiten wie Reddit: Hinweise auf die Vergangenheit der Täter, Google-Maps, digitale Spuren, und nicht zuletzt Tweets und Bilder von Bürgern an Orten, zu denen keine TV-Kameras gelangten. Auch die Behörden verbreiteten Fahndungsbilder in sozialen Netzwerken.

Hie und da ist wieder die Rede vom "hive mind", von der Schwarmintelligenz des Internets, einem System, in dem jeder einzelne Teilnehmer zum Ganzen beiträgt, alle an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Der Begriff wird meist positiv verwendet, doch zeigen die Ereignisse in Boston, dass auch der Schwarm sich nicht immer in die erhoffte Richtung bewegt: Spekulation und Verifizierung, Information und Desinformation sind gleichberechtigte Schwarmeffekte.

Und auch die klassischen Medien gehören zum Schwarm, wie die Ereignisse in Boston wieder gezeigt haben. Anders als etwa Matt Buchanan vom New Yorker schreibt, stehen sie nicht mehr als ungreifbare Experten außerhalb des Kollektivs, sondern sind längst mittendrin und schwimmen mit Zeugen und Behörden. Sie sind auf Informationen von Privatpersonen, von Internetnutzern, Hobbyreportern oder einfach zufällig Anwesenden angewiesen, um aktuell und umfassend zu berichten. Das macht sie angreifbarer denn je – und sie müssen um so mehr Ressourcen auf Filter und Verifikation verwenden.

So geht es nicht um die Frage, ob Reddit und andere soziale Netzwerke gegen die traditionellen Medien arbeiten, sondern darum, inwieweit beide Seiten in Zukunft miteinander arbeiten können. Die Story liegt nicht allein in den Händen der klassischen Medien und tat es womöglich nie. Sie gehört allen und muss deshalb gemeinsam erzählt werden.