Mit mehr als hunderttausend Dauerteilnehmern gehören Evangelische Kirchentage zu den Top Five der Festivals in Deutschland. Nur die absoluten Megaevents wie Rock am Ring oder der Schlagermove, wie der diesjährige Kirchentag ebenfalls in Hamburg, locken mehr Fans an. Rechnet man die Eröffnungsabende dazu, die 400.000 Menschen auf die Straße bringen, schlägt dann nur noch das Ruhrpott-Festival "Bochum total" den Kirchentag. Zum ersten Mal hat der Kirchentag eine eigene Oper über den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer in Auftrag gegeben. Sie wird in Hamburg uraufgeführt.

Aber der Kirchentag kann auch ein unschlagbares Plus vorweisen, weil er zwar auch ein großes Festival ist, aber nicht darin aufgeht: Was in der Politik Rang und Namen hat, lässt sich dort sehen, diskutiert, hört auf die Fragen der Teilnehmer und gibt – meistens, zumal jetzt, wo bald gewählt wird – freundlich Autogramme. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt. Verteidigungsminister Thomas de Maiziére muss sowieso da sein. Er sitzt im Präsidium des Protestantentreffens. Immer häufiger besuchen auch die Top-Etagen aus Konzernen und Wissenschaft das Treffen. In Messehallen diskutieren sie mit Gewerkschaftern, Philosophen und Bischöfen darüber, wie man ethisch korrekt und sozial verantwortlich Gewinn macht und Forschung betreibt. 

Der Kirchentag ist so eine große Freiluftuniversität mit den Denkern und Entscheidern des Landes. Kirchentagspräsident Gerhard Robbers hat ein neues Thema aufgebracht: Er will über Einsamkeit reden, denn immer mehr Menschen leben in Einpersonenhaushalten. Robbers ist Professor für Staatsrecht in Trier.

Das größte Forum des gesellschaftlichen Austausches

Das Amt des Kirchentagspräsidenten wird nebenberuflich ausgeübt und wechselt alle zwei Jahre. 2011, als der Kirchentag in Dresden stattfand, war die grüne Frontfrau Katrin Göring-Eckardt Präsidentin. Oft wurde der Kirchentag von prominenten Menschen geleitet. Dazu zählen Wolfgang Huber und Richard von Weizsäcker, der später Bundespräsident wurde. Margot Käßmann war Generalsekretärin und wurde von da als hannoversche Bischöfin gewählt. Deshalb gilt der Kirchentag als Bischofsschmiede, als Reservoir für den evangelischen Führungsnachwuchs. Aber ein amtierender Bischof steht nie an der Spitze des Kirchentages. Der ist eine Laienbewegung und unabhängig von der Hierarchie, denn bei Protestanten sind alle gleich viel Kirche.

Trotzdem ist der Kirchentag auch so etwas wie die Nationale Funkausstellung des Protestantismus. Alles, was die Kirche an Gruppen, Initiativen und Kulturangeboten aufzubieten hat, findet sich an den Austragungsorten gesammelt wieder. Überall in den Innenstädten blasen Posaunenchöre, in U-Bahn-Unterführungen legen Kantoreien ein musikalisches Netz durch die City. Tausende Konfirmanden treffen sich in einem eigenen Zentrum, Küster und Kirchenmusiker ebenfalls. Pfadfinder helfen bei der Organisation. 5.000 Freiwillige dirigieren die Massen und regeln Besucherströme. Und insgesamt, mit Sängern und anderen, beteiligt sich mehr als ein Drittel der Teilnehmer am Programm mit seinen rund 2.000 Einzelveranstaltungen.

Der Kirchentag macht sichtbar, dass die Kirchen nach dem Staat die größten Kulturträger sind. Zugleich waren Kirchentage immer ein Labor für neue Angebote: Heilungs- und Segnungsgottesdienste, Liturgische Nächte und den Dialog mit anderen Religionen. Und Hunderte von Gruppen und Initiativen stellen auf einem "Markt der Möglichkeiten" in mehreren Messehallen ihr Projekt vor.