Dieser Prozesstag ist noch schwergängiger als die vorherigen. Das Oberlandesgericht hat die Sicherheitsvorschriften verschärft, der Einlass für Besucher und Journalisten dauert länger. Dann, noch bevor die Sitzung beginnt, führen Polizisten Maik E. von der Zuschauertribüne. Er ist der Zwillingsbruder des Angeklagten André E. und hat bislang jeden Termin aufmerksam verfolgt. Am Vortag waren die beiden demonstrativ mit dem gleichen AC/DC-Shirt im Gerichtssaal erschienen. Warum Maik E. nun nicht mehr an der Verhandlung teilnehmen darf, bleibt offen.

Zu Beginn des NSU-Prozesses hatte sich alles um Beate Zschäpe gedreht. Zunehmend machen nun andere Prozessbeteiligte auf sich aufmerksam. Die Hauptangeklagte kommt am Mittwoch als zweite in den Saal. Nicht als letzte, wie bisher, was ihr mehr Aufmerksamkeit zutrug. Den eleganten Hosenanzug hat sie gegen einen schlichten schwarzen Pullover getauscht. 

An diesem Tag sind es wieder die Verteidiger, die das Geschehen bestimmen. Die Anträge, Gegenfeststellungen und pedantischen Wortmeldungen der Beistände von Ralf Wohlleben und Zschäpe wirken noch aggressiver als zuvor. Es scheint ihnen gleichgültig zu sein, wie sehr die vier Bundesanwälte oder die Dutzenden Nebenklagevertreter darum bitten, sich endlich wieder "der Sache", also den Taten, zu widmen.

Die Unschuldsvermutung missachtet?

Richter Manfred Götzl muss zuerst über einen Antrag von Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl entscheiden. Der wüsste gerne, ob er und seine Kollegen Wolfgang Heer und Anja Sturm sich denn darauf verlassen könnten, bei rechtzeitiger Meldung das Wort zu bekommen. "Herr Rechtsanwalt Heer ist mit den Wortbeiträgen ja immer besonders schnell", antwortet Götzl amüsiert.    

Dann kommt die Anwältin des Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Nicole Schneiders, eine Frau mit knallrot gefärbten Haaren, fordert erst, das Verfahren auszusetzen, dann einzustellen. Sie mutmaßt, möglicherweise hätten die CIA und andere Nachrichtendienste bei den NSU-Taten eine Rolle gespielt. Sie wehrt sich gegen das, was sie eine Vorverurteilung ihres Mandanten nennt: Die Gedenkfeier der Bundespolitik für die NSU-Opfer in Berlin, eine Gedenktafel am Tatort des Polizistenmords von Heilbronn, umbenannte Straßen und Plätze – aus all dem spreche die Überzeugung, die NSU-Mitglieder seien definitiv schuldig und damit auch der wegen Beihilfe angeklagte Wohlleben. "Das Wort mutmaßlich? Fehlanzeige", schimpft die Anwältin, auch die Medien hätten ihren Mandanten schon längst schuldig gesprochen.


Bei der Nebenanklage stößt der Antrag auf Irritation. "Heiße Luft" verbreite Schneiders, ruft ihr Nebenkläger-Anwalt Thomas Bliwier zu. Sie wolle mit ihrem länglichen Vortrag doch nur die Aufmerksamkeit der anwesenden Journalisten erheischen.