Mit weißer Kreide hat Anne "Viel Erfolg!" auf eine Tafel geschrieben. Das 14-jährige Mädchen setzte ein Ausrufezeichen hinter ihre Worte. Sie sind an die Mitglieder der Freiwilligen Ortswehr in Bitterfeld gerichtet. Die Helfer mussten zusammen mit 10.000 anderen Einwohnern das Städtchen in Sachsen-Anhalt verlassen. Der Ort ist von einer Flutwelle aus dem angrenzenden Goitzschesee bedroht. Seitdem sind auch die Feuerwehrleute in einem Notquartier untergebracht – und fahren von einem Einsatz zum nächsten.

Gute Schlagzeilen aus Bitterfeld sind selten. In ihrem Roman Flugasche beschrieb die Autorin Monika Maron die Industriestadt 1981 als "dreckigste Stadt Europas". Die riesigen Chemieanlagen haben Luft und Gewässer verpestet. Als der Dreck in den 1990er Jahren verschwand, kam die Solarindustrie und ließ für einige Jahre in der Region die Sonne scheinen. Doch seitdem die Chinesen den deutschen Produzenten die Preise kaputt machen, ist auch dieses Märchen vorbei. Und nun steht das Hochwasser vor der Tür. Aus Teilen Bitterfelds ist eine Geisterstadt geworden.

Das Problem ist kompliziert und hat mit einem ehemaligen Tagebauloch neben der Stadt zu tun. Bei der Flut 2002 lief es komplett mit Wasser voll. Seitdem liegt Bitterfeld direkt am Goitzschesee und hat einen eigenen Strand. Das Hochwasser der Mulde ließ den um einige Meter höher liegenden Seelhausener See anschwellen. Bricht der Damm zwischen den beiden Gewässern, würde eine gewaltige Flutwelle auf Bitterfeld zurasen. Damit es nicht soweit kommt, sind Hunderte Helfer im Einsatz.Am Sonntagmorgen entspannte sich die Lage leicht.

Mit Sandsäcken gegen die Naturgewalt

Koordiniert werden die Helfer von der Einsatzzentrale aus, die sich in einer unscheinbaren Baracke befindet. In Raum 17 sitzen die Mitglieder des Krisenstabs vor Computern und ausgerollten Lageplänen. Sie beraten sich, verteilen die Aufgaben und empfangen die neuesten Nachrichten aus der Region. Es ist nicht laut, doch die Atmosphäre ist angespannt. Am Samstag herrscht Aufregung und Hektik. Ein Damm im Landkreis droht zu brechen, mehrere Tausend Menschen sollen in der Stadt Aken und Umgebung schnellstens ihre Häuser verlassen. Die Sprecherin des Landkreises, Marina Jank, eilt von einem Journalisten zum nächsten. Eine angesetzte Pressekonferenz muss sie nun aufgrund der neuen schlechten Nachrichten erst einmal absagen und warten, bis sie Genaueres weiß.

Über einer Wiese neben Bitterfeld steht ein Hubschrauber in der Luft. Die drehenden Rotoren lassen Staub aufwirbeln. Der Lärm summt in den Ohren. Der Pilot lässt ein Seil zu Boden. Daran befestigen Männer vier sogenannte Big Packs. Das sind mit Kies gefüllte 1,5 Tonnen schwere weiße Beutel. Sie sollen die bedrohlichen Löcher zwischen den beiden Seen stopfen. Pascal Ziehm, ein Reservist der Bundeswehr, schreit Anweisungen über das Feld. Seine Stimme hat in den vergangenen Tagen arg gelitten, sein Gesicht ist von der Sonne verbrannt, seine Augen geschwollen. Ziehm stammt aus Bitterfeld und ist seit sechs Tagen im Einsatz.

"Die Lage ist angespannt, aber ich will mit dabei helfen, meine Heimatstadt zu schützen", sagt er. Mit seinem Handy hat er bei einem Hubschrauberflug kleine Filmchen gedreht. Darauf ist zu sehen, wie bereits Hunderte Big Packs im Wasser abgeladen wurden. Das kleinere der beiden Löcher ist gestopft. Der Hubschrauber ist unterwegs nach Leipzig zum Tanken, gleich müsste er wiederkommen und die nächste Ladung aufnehmen. 200 riesige Sandsäcke warten noch auf den Flug in die Fluten. Geht der Plan auf, werden die Säcke Bitterfeld retten.