Es gibt keine Privatsphäre. Im Notquartier im Nordosten von Halle in Sachsen-Anhalt bereiten sich die Flutgeschädigten auf eine ungewisse Nacht vor. Etwa 100 Menschen aus der Hochwasserzone der Stadt sind in den kargen Betonbau gekommen. Noch sitzen sie wie in einer Wartehalle nebeneinander auf Stühlen.

Die Atmosphäre erinnert an ein Leichtathletiksportfest: Im Innenraum toben Kinder, darum herum sitzen auf den blauen Sitzschalen die Zuschauer. Doch die Stimmung ist alles andere als gelöst.

Die Brandbergehalle ist eines von drei Notquartieren, die die Stadt einrichten ließ. Feldbetten, Stühle, Getränke, Essen, das Nötigste eben. Der Stadtteil Halle-Neustadt, eine Wohnsiedlung mit DDR-Plattenbauten, ist vom Hochwasser bedroht. Die Behörden empfehlen 30.000 Menschen, ihre Wohnungen zu verlassen. Die ersten sind in die Notunterkünfte gezogen, zur vergangenen Nacht waren es etwa 157, sagt Stadtsprecher Drago Bock. Es sind jene, die in der Nähe weder Verwandte noch Bekannte haben, zu denen sie ziehen können. Vor allem ältere Menschen aus Pflegeheimen müssen in die Sporthallen umziehen.

Eine davon ist Gertraude Meister. Ihre Wohnung in der fünften Etage sei zwar nicht vom Wasser bedroht, sagt die 87-Jährige. "Aber ich hatte Angst, dass der Strom ausfällt." Sie sitzt vor ihrem Rollator und wartet. In einem Beutel hat sie das Wichtigste für eine Nacht dabei. In welchem Bett sie diese verbringen wird, ist noch unklar. Feldbett 18 ist frei.   

Das Abendessen gab es bereits. Feuerwehren aus dem Harzkreis versorgen die Bewohner der kargen Halle mit warmen Mahlzeiten. Mitarbeiter des Roten Kreuzes bauen weitere Nachtlager auf. Knapp 50 stehen bereits, nochmal so viele müssten noch geliefert werden. Wann es soweit ist, weiß Zugführer Florian Sachse nicht genau.

Sachse ist einer der professionellen Helfer. Er organisiert, koordiniert, beantwortet Fragen. Wer macht die Nachtschichten? Wo sind die Toiletten? Wer übernimmt den Pflegedienst für die Älteren? Wo soll der Tisch mit den gespendeten Zahnbürsten, Büchern, Spielsachen und Waschlappen stehen? Wer macht am Morgen sauber?  

Nicht alles kann er sofort beantworten. Doch es melden sich immer mehr Freiwillige, die anpacken wollen. Sie erhalten am Eingang einen Aufkleber mit ihrem Namen. Dann helfen sie, wo es am Nötigsten ist. Seit dem späten Nachmittag sind auch die beiden 15-Jährigen  Lillith und Manon dabei. Die Schülerin aus Halle und ihre Gastschülerin aus Paris waren schon den ganzen Tag im Einsatz, bevor sie zum Notquartier zogen. "Wir haben erst Sandsäcke gefüllt und dann gefragt, wo noch Hilfe gebraucht wird", sagt Lillith.  

Nun unterhalten sie sich mit den Ausquartierten – damit sich keiner allein fühlt. Sie begleiten sie zur Toilette oder geben ihnen zu Trinken. Die Mädchen sind sich einig: "Wir wollten einfach dabei sein und helfen." Die Schule habe ihnen zwar nicht frei gegeben, das ist ihnen egal. Morgen wollen sie wieder kommen.

Das muss auch Simon. Der 23-jährige Student lebt bereits seit Montag in Sporthallen. Seine Wohnung im Parterre, kaum 20 Meter von der Saale entfernt, musste er verlassen. Ohne Boot war sie nicht mehr zu erreichen. "Ich habe alles noch nach oben gestellt", sagt Simon. Ob das Wasser nun in seiner Wohnung steht, weiß er nicht. 

Hostel geräumt

Simon ist auf die Notunterkunft angewiesen. Er ist noch nicht lange in der Stadt, hat keine andere Option. Das Leben hier ist hart: In den vergangenen beiden Nächten habe er nicht mehr als drei bis vier Stunden Schlaf gefunden. Nun hat er sich das dritte Mal ein Feldbett ausgesucht, seinen Rucksack bereits daneben gestellt – und wartet. "Bis zum Wochenende werde ich hier wohl noch leben müssen."

So lange will Michael Seebald nicht mehr bleiben. Der 54-Jährige aus Franken kam als Besucher nach Halle. Doch das Hostel, in dem er eigentlich eine Woche bleiben wollte, wurde geräumt. Nun hat sich Seebald ganz rechts in der Ecke ein Feldbett gesucht.

Als es in der Halle ruhiger wird, kommt eine Nachricht, die Zuversicht bringt. Erstmals seit Tagen sinkt der Pegel der Saale.

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