Nördlich von München, irgendwo zwischen Erding und Landshut, befindet sich an diesem Morgen die bayerische Regenscheide. In der Landeshauptstadt ist es noch ungewöhnlich trocken. Doch fährt man nach Niederbayern und dort ganz weit in den Osten, dann wird es immer grauer, der Regen klopft heftiger an die Scheibe. Die Felder sind überflutet, an mancher Stelle kommt die große, braune Donau gefährlich nah an die Fahrbahn heran. Ein Hinweisschild, das angesichts der Fluten ulkig klingt: "Donau – romantische Flusslandschaft".

Passau – das Epizentrum des bayerischen und des deutschen Hochwassers dieser Tage. Die Stadt scheint gerade Geschichte zu schreiben, weil der Fluss hier den höchsten Pegel erreicht, angeblich seit dem Mittelalter.

Passau liegt im Dreiländereck, nahe Österreich und Tschechien. Drei Flüsse stoßen hier zusammen: die Donau, der Inn und die kleine Ilz. Normalerweise lassen sich die Flüsse an der unterschiedlichen Farbe des Wassers erkennen. 

Heute ist das anders: "Fahren Sie weiter, wenn Sie wollen", sagt der Polizist an der Absperrung, vier Kilometer vor der Altstadt, "aber in 100 Metern kommt schon das Wasser. Da ist Schluss." Die Donau strömt vorbei an der Regensburger Straße und in sie hinein. Vor dem Nagel- und Sonnenstudio "X-Treme" liegen die Sandsäcke, der Laden ist geschlossen. Ein Mann sagt: "Drüben im Bahnhof steht einem das Wasser bis zum Kinn." Solche Aussagen, kaum überprüfbar, hört man häufig an diesem Tag, der im Radio unaufhörlich als "historisch" für Passau bezeichnet wird.

"Ich liebe die Donau." Eigentlich.

Heinz Steil und seine Frau sind gekommen, um mit der kleinen Digitalkamera Fotos zu machen. Ab und zu wagen sich die beiden Rentner mit den Schuhspitzen hinein ins Wasser. "Wir wohnen da drüben", deutet er nach hinten. "Uns ist heute Nacht der Heizungskeller zugelaufen." Er erzählt, wie er versucht hat, den Raum mit Säcken zu sichern. Es half nichts.  

"Ich bin ja in Passau geboren", sagt Heinz Steil.  Mit Hochwasser kennt er sich eigentlich aus. Aber so hoch wie heute? Er kann sich an nichts Vergleichbares erinnern. "Da geht einem das schon zu Herz." Er mag den Fluss, gerne geht das Ehepaar spazieren, radeln, sitzt auf den Bänken am Ufer oder in der Fußgängerzone der Altstadt. "Ich liebe die Donau, aber wenn man das sieht, kommen einem schon Zweifel."

Am Vormittag war der Pegelstand von 12,20 Metern erreicht – so hoch war er zuletzt 1954. Für den Abend werden 12,50 Meter erwartet oder gar 13. Normalerweise sind es vier bis fünf Meter. Der Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) ruft dazu auf, mit dem Trinkwasser sparsam umzugehen. In der historischen Altstadt, die am stärksten betroffen ist, gibt es keinen Strom mehr. Und wenn weiterer Strom ausfällt, funktionieren auch die Trinkwasserpumpen nicht.