Sie haben lange gewartet. Erst darauf, dass der Prozess überhaupt beginnt, dann auf die Anklageschrift. Sie haben Beratungen des Gerichts über etliche Anträge abgewartet, sie haben geduldig zwei Angeklagten zugehört, die sich zu den Vorwürfen äußerten. Nun, am zehnten Verhandlungstag, sind die Nebenkläger dran. Im Münchner NSU-Prozess dürfen sie Carsten S. befragen. Der 33-Jährige muss sich wegen Beihilfe zum Mord verantworten, weil er dem Trio aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine Česká-Pistole überbracht haben soll, mit der neun Menschen getötet wurden.

Die Nebenkläger sind eine Macht in diesem Prozess, die keiner der Beteiligten unterschätzen darf: 86 Hinterbliebene und Überlebende. Die Betroffenen selbst bleiben dem langwierigen Prozess mittlerweile fern, geäußert haben sie sich im Saal nicht. Bleiben noch die mehr als 60 Rechtsanwälte, die für sie im Prozess sitzen.

Die Wortführer unter ihnen sind kampfeslustig: Schon in den vergangenen Wochen haben sie sich nicht gescheut, Richter Manfred Götzl zu korrigieren oder Kritik an den Anwälten der Angeklagten anzubringen. Ihre Strategie unterscheidet sich dabei deutlich von jener der Verteidiger, die den Strafsenat zu Beginn mit Anträgen überschütteten. Die Nebenkläger wollen herausfinden, warum die NSU-Taten ausgerechnet ihre Mandanten oder deren Verwandte getroffen haben. Ihre einzige Waffe im Prozess sind Fragen.

Erst schien es, als müssten sie sich gedulden: Die Anwälte des Mitangeklagten Ralf Wohlleben hatten sich mit einem Antrag das Recht erkämpft, Carsten S. zuerst befragen zu dürfen. Olaf Klemke und Nicole Schneiders argumentierten, sie müssten den wohl wichtigsten Belastungszeugen ihres Mandaten einer "konfrontativen Befragung" unterziehen und wollten sich die Fragen nicht aus dem Mund nehmen lassen. Ursprünglich hatte Richter Manfred Götzl nämlich vorgesehen, zuerst den Nebenklägern das Fragerecht zu erteilen.

Doch S. und seine Verteidiger lassen das Wohlleben-Team auflaufen: Nur wenn Wohlleben sich selbst umfassend zu seiner Person und zum Tatvorwurf äußere, werde S. sich den Fragen stellen, sagt Anwalt Jacob Hösl. Es gehe um Waffengleichheit. "Ich fass' es nicht", sagt Klemke kopfschüttelnd. "Wir lassen uns nicht erpressen!" Sein Mandant lehnt seit Prozessbeginn eine Aussage ab. Aber S. sieht nicht ein, sich allein zu offenbaren: "Mir ist es wichtig, dass nicht nur ich mich hier nackig mache, sondern er auch", sagt er später.

Also dürfen die Nebenkläger doch pünktlich beginnen. Viele Fragen haben sich bei ihnen aufgestaut, die meisten arbeiten einen regelrechten Katalog ab. Es geht um S.' Anfänge in der Nazi-Szene, um Gespräche mit Wohlleben und dem NSU-Trio sowie um die Übergabe der Pistole an die Drei. Immer wieder geht es auch um die damaligen Kontakte des Angeklagten in die Szene. Sicherlich war S. klar, dass ein Verhör durch über 60 Anwälte kein gemütlicher Spaziergang wird. Zu jedem Detail, das nur im Geringsten unklar ist, muss er sich nun erklären.

Zum Beispiel zu der Vorhaltung, die ihm die Hamburger Anwältin Angela Wierig macht. Sie sitzt für die für die Hinterbliebenen des 2001 in Hamburg ermordeten Händlers Süleyman Tasköprü im Saal. Sie lässt sich S.' damalige Faszination für Waffen erläutern. Der erzählt, dass fast jeder in der rechten Szene eine besaß. "Warum waren Sie dann so schockiert, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu Ihnen sagten, sie seien immer bewaffnet?"

Dieses Gesprächsdetail hatte S. zuvor mehrmals betont. "Ich habe das nicht miteinander gesehen, das war etwas anderes", antwortet er. Und: "Die sahen ja ganz normal aus, die durften ja nicht auffliegen." Wieder zeigt sich, wie weit S. seine Erinnerungen an die Zeit in der Jenaer Szene von sich geschoben hat. Die Zeit sei für ihn "verwischt", erzählt er, "das ist alles ziemlich strange." Auf vieles würde er sich wohl gern einen Reim machen, wenn er könnte, das nehmen ihm auch die Anwälte ab. Für sie ist es dennoch kein Grund, den Angeklagten zu schonen.