Tülin Özüdogru ist gekommen. Sie sitzt hinten in Gerichtssaal A101, zwischen den Anwälten der Nebenklage. Hier am Münchner Oberlandesgericht wird der Mord an ihrem Vater verhandelt, neben neun weiteren Terrorakten. Abdurrahim Özüdogru, erschossen am 13. Juni 2001 in seiner Schneiderei in Nürnberg, war das zweite Opfer der rechtsextremen Mordserie des NSU. Nachdem neun Tage lang der Angeklagte Carsten S. über seine Tat und den Hintergrund der mutmaßlichen Terrorgruppe aussagte, äußern sich nun erstmals Zeugen zum Tatgeschehen. Gleich acht treten an diesem Tag auf.

Vor ihrer Vernehmung meldet sich allerdings der Nebenkläger-Anwalt Thomas Bliwier mit einem bedeutsamen Antrag zu Wort. Bliwier vertritt die Angehörigen des 2006 in Kassel erschossenen Internetcafé-Betreibers Halit Yozgat. In seinem Antrag geht es um den Dortmunder Neonazi Robin S., den Adressaten des abgefangenen Briefs von Beate Zschäpe. Bliwier fordert nicht nur, S. als Zeugen zu laden, er zeichnet auch eine möglicherweise brisante Verbindung nach: Demzufolge traf S. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Mitte März bei einem Rechtsrock-Konzert in Kassel – weniger als einen Monat vor dem Mord des Dortmunders Mehmet Kubasik und dem Kasseler Yozgat. Ein Bekannter des Nazis hätte zudem dem Verfassungsschützer Andreas T. über das Konzert berichtet. T. saß während des Mordes an Yozgat unweit in einem Internetcafé. S.' Aussage könnte deshalb ein spannendes Puzzlestück sein.

Richter Manfred Götzl tadelt Bliwier allerdings, weil ihm seine Äußerungen zu lange gedauert haben. Er will jetzt beginnen. Also geht es endlich um Abdurrahim Özüdogru, der seit 21 Jahren in Deutschland lebte, bis er im Alter von 49 Jahren ermordet wurde. Özüdogru schob Schichten als Maschinenarbeiter in einer Fabrik, außerdem führte er die Schneiderei weiter, die seine Frau betrieben hatte.

An seinem Todestag, wahrscheinlich gegen 16.30 Uhr, kamen laut Anklageschrift zwei Männer in das Geschäft in Nürnberg: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Einer der beiden richtete die Ceska 83 auf Özüdogru und schoss ihm ins Gesicht. Das Opfer sank nieder, einer der Uwes trat an ihn heran und gab einen zweiten Schuss in seine rechte Schläfe ab. Nach dieser Hinrichtung fotografierten die Täter den toten Schneider noch. Das Foto ist auch im Bekennerfilm des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zu sehen. Die Leiche Özüdogrus wird erst um 21.30 Uhr von einem Passanten entdeckt.

Polizist irritiert mit Aussage

Der erste Zeuge wird aufgerufen: Polizeioberkommissar Karlheinz B. erzählt von dem abendlichen Einsatz, bei dem er Özüdogrus Leiche anfasste: "Die Körpertemperatur war einem lebenden Menschen ziemlich fremd."

Eingehender ist die Aussage des pensionierten Kommissars Norbert H. Götzl geht mit ihm die schaurigen Polizeifotos vom Tatort durch, die auf die Projektionstafeln an den Wänden gezeigt werden: Özüdogru liegt an die Tür gelehnt, die zu seiner angrenzenden Wohnung führt. Sein Körper ist nach links gekippt, Blut fließt aus Nase und Ohren, Einschusslöcher unter der Nase und in der rechten Schläfe. Um Özüdogru herum verteilen sich Hemden, Hosen und Garnrollen auf den Tischen.

H.s Aussage irritiert viele Beobachter. Mehrmals kommentiert der 67-Jährige den Haushalt von Özüdogru, spricht von einer "gewachsenen Unordnung", dem "sogenannten Wohnzimmer" und verliert auch noch ein paar Worte über die Freundin, die sich der Getötete nach der Scheidung von seiner Frau zugelegt habe. Wie Tülin Özüdogru auf diese Worte reagiert, ist nicht zu sehen. Warum überhaupt Fotos von Özüdogrus Wohnung gezeigt werden müssen, wo der Mord doch im Geschäft stattfand, bleibt zudem rätselhaft.