Sie waren nur schnell einen Kaffee trinken. Der Maurer Heiko P. hatte in der Dachgeschosswohnung des Zwickauer Mietshauses gearbeitet: Der Boden musste geschliffen, die Dämmung erneuert werden. Sein Kollege René K. hatte im Keller altes Holz auf P.s Anhänger geräumt.

Als sie den Knall hörten, standen sie vor der Bäckerei. Zum Glück. Sie drehten sich um, es stieg schon eine Rauchwolke auf aus dem Haus, aus dem sie gerade erst gekommen waren. "Das waren wir aber nicht", sagten sich die beiden. Sie riefen die Feuerwehr, kurz darauf stand das Gebäude mit der gelben Fassade lichterloh in Flammen.

Heute ist das Haus längst abgerissen. Doch Heiko P. leidet unter dem Vorfall: Dass er dem möglichen Tod in den Flammen so knapp entgangen ist, hat ihm schwer zugesetzt. Er bekam psychische Probleme, konnte eine Zeitlang nicht arbeiten. Zudem musste er sein teures Werkzeug in der Ruine zurücklassen.

Das Haus, in dem er gearbeitet hatte, stand in der Zwickauer Frühlingsstraße, neben der Eingangstür hing die Nummer 26. Es war der Unterschlupf der mutmaßlichen Terrorgruppe NSU. Hier lebten deren Mitglieder friedlich und unerkannt, bis Beate Zschäpe kurz nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 offenbar einen radikalen Schlussstrich unter die Geschichte der extremistischen Zelle zog und die Wohngemeinschaft anzündete. Das jedenfalls wirft ihr die Bundesanwaltschaft vor.

Große Wohnung mit viel Platz für Indizien

125 Quadratmeter umfasste der konspirative Unterschlupf, da ist auch viel Platz für Spekulationen: So hatte ein Brandermittler bereits am Vortag dargelegt, dass es dort vier Schlafplätze gegeben habe – im Wohnzimmer, im Sportraum, im Schlafzimmer und im Raum mit den Kratzbäumen für die Katzen. Das erzwingt keineswegs den Schluss, der NSU habe ein viertes Mitglied gehabt – doch es bleibt eine Interpretationsmöglichkeit.

In der Ruine der Wohnung konzentrieren sich Indizien und Beweise wie an keinem Tatort der mutmaßlichen Terrorgruppe. Nachdem ein Brandermittler am Vortag das Lebensumfeld des Trios anhand der Ruine rekonstruiert hatte, will Richter Manfred Götzl diesmal die mutmaßliche Brandstiftung mit Zeugenaussagen untersuchen. Für die kommt Zschäpe nicht wie in den anderen NSU-Fällen als Mittäterin in Betracht, sondern als Einzeltäterin. Zudem wird das Feuer in Zwickau sehr wahrscheinlich auch auf alle anderen Tatvorwürfe ausstrahlen – dahinter steckt Zschäpes mögliches Motiv für die Brandstiftung: Sie muss die Beweise gekannt haben, die so brisant waren, dass sie vernichtet werden mussten.