Jeder Mann, der im Schatten des kühlenden Gemäuers des Wirtshauses Hasanpaşa Han mitten in der Altstadt von Diyarbakir einen Tee trinkt, hilft damit einer Frau – dass sie finanziell unabhängig wird, selbstbestimmt leben kann und Spaß im Bett hat. Denn wer hier seinen Tee trinkt, befindet sich mitten im Zentrum der feministischen Bewegung. Genau hier, im südöstlichen Anatolien, in der Kurdenhochburg am Tigris, begann die KAMER-Bewegung, angeführt von Nebahat Akkoç.

Es kommen viele Männer, denn die gefüllten Weinblätter und Weizengrützeklöße zeugen von hoher Küchenkunst. Der Service ist tadellos und jede Viertelstunde sprenkelt eine Anlage Wasserdunst über das Hasanpaşa Han. Das Han, übersetzt Wirtshaus, stammt aus dem 16. Jahrhundert, als man noch mit Kamelkarawanen entlang der alten Seidenstraße durch die Handelsmetropole Diyarbakir zog und Reisende Rast in Karawansereien machten. Derweil die Bewohner untereinander im Han blieben.     

Jetzt, am Nachmittag ist es ruhig hier, denn es ist Ramadan, doch außerhalb der Fastenzeit werden täglich bis zu 2.000 Gäste bewirtet.  Nicht nur feine, traditionell gekleidete Männer kommen, auch Frauen und Familien. Das Geschäft brummt und es gibt Leute, die etwas dagegen haben. Vor zwei Monaten kamen mehrere Männer, griffen das Personal an, verwüsteten das Mobiliar und verschwanden wieder.

Mord, Folter, Demütigungen

Im Leben einer jeden Bürgerrechtlerin gibt es einen alles verändernden Moment. Bei Nebahat Akkoç war es der 13. Januar 1993. Es war der einzige Morgen, an dem sie das Frühstück nicht mit ihrem Mann Zübeyir einnimmt. Am Abend zuvor hatten sie Gäste, es war spät geworden, sie war noch müde. Ganz gegen ihre Gewohnheit blieb sie liegen und bat ihn: Bitte frühstücke alleine! Er aß und verließ das Haus. Kurz darauf hörte sie die Schüsse.

Der Mord an Zübeyir Akkoç, bei dem die Regierung ihre Finger im Spiel hatte, war nur eine Station der Gewalt, die die pensionierte Lehrerin Nebahat Akkoç erlebte. Ihr Mann, der sich, wie viele andere auch, einmischte, wenn es um Menschenrechte, Demokratie und Freiheit ging, saß oft im Gefängnis und erlebte Demütigungen, Schikane und Folter. Nebahat Akkoç beschreibt in einem Buch die Schreie, die die Ehefrauen aushalten mussten, wenn sie ihre Männer besuchten und wie sie sich am Strohhalm festhielten: Solange man Schmerzensschreie hört, sind sie wenigstens noch am Leben. Nachdem Zübeyir starb, wurde auch sie verhaftet und gefoltert.

Frau Akkoç fragte sich: Wer sind diese Männer, die Krieg führen, verhaften, foltern, vergewaltigen, schlagen und töten? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Gewalt eines Krieges und der privaten Gewalt in Familien? Sie sah, dass die Staatsorganisation, die zivile Gesellschaft, ja selbst die Straßenkultur nach Geschlechtern getrennt sind. Sie fand heraus, dass der Anfang von Gewalt und Militarismus immer in der kleinsten und ersten Organisation eines jeden Menschen beginnt: nämlich in der eigenen Familie.  

Als sie anfing, über diese Themen nachzudenken, befanden 95 Prozent der türkischen Frauen in einer Befragung, dass Gewalt normal sei. Nur der Rest konnte sich vorstellen, dass es möglich wäre, ohne sie zu leben.  

Nebahat Akkoç gründete 1997 das KAMER, Abkürzung für Kadın Merkezi, übersetzt Frauenzentrum. Sie träumt von einer emanzipierten Gesellschaft ohne Geschlechtertrennung, ohne Rassismus, ohne Nationalismus. Sie träumt diesen Traum nicht in Istanbul oder Izmir, sondern in Diyarbakir. An diesem Ort, an dem der Tod so allgegenwärtig und gewöhnlich geworden ist, wie die Bäume an den Straßen rechts und links der Wege.

Frauen lernen, wo die Gewalt beginnt

Veränderung im Großen beginnt mit der Veränderung im Kleinen. Die Frau erlebt zu Hause Gewalt. Ihre Möglichkeiten, zu handeln, sind klein. Sie denkt: Heute mache ich das Haus noch sauberer als sonst, ermahne die Kinder, besonders brav zu sein, bereite die Speisen appetitlich zu. Er soll keinen Anlass zum schimpfen bekommen. Der Mann kommt nach Hause, Streit, Eskalation, Gewalt. Irgendwann erfährt die Frau von KAMER, sie hält es nicht mehr aus und geht hin. Jede Frau, die zu KAMER geht, sorgt im Schnitt für zehn neue Frauen.

Dann sitzt die Frau in einem Kurs. Sie lernt, wo Gewalt beginnt. Mit anderen Frauen spielt sie Rollenspiele und begreift allmählich ihre Situation. Haben die Frauen es erst einmal geschafft, sich von außen zu betrachten, erkennen sie Parallelen und Muster.   

Ab diesem Punkt gibt es kein Zurück. Die Frau versteht, dass sie unabhängiger werden muss, auch finanziell. Also eröffnete KAMER Wirtshäuser. Bis 1998, zur Eröffnung des Restaurants im Hasanpaşa Han, gab es in Diyarbakir kein einziges Lokal, dessen Eigentümer eine Frau war. Mittlerweile ist die Zahl der Wirtinnen allein in dieser Stadt auf 45 angestiegen.      

Da nicht alle Frauen  in Diyarbakir, Erzincan oder Erzurum, alles Orte im kurdischen Osten der Türkei, Lokale eröffnen können, begannen andere zu nähen und ihre Ware in eigenen Läden zu verkaufen. Dann beschlossen sie die Stoffe nicht nur zu verarbeiten, sondern auch zu weben. Sie eröffneten Produktionsstätten in Antep, Tunceli, Erzincan, in insgesamt sieben südostanatolischen Städten. 

Und wohin mit den kleinen Kindern, während Mama arbeitet? KAMER gründete Kindergärten. Daraus entstand das Buch Alternative Wege in der Kindererziehung. Als in Tunceli eine Universität eröffnet wurde, eröffnete KAMER ein Gästehaus. Mittlerweile gibt es 23 KAMER-Zentren im Osten der Türkei, weitere 21 Frauenzentren gründeten sich nach KAMER-Vorbild in anderen Städten. KAMER ist inzwischen auch im modernen Westen der Türkei angekommen.