Ohne die Indianer wären die Heiligen von Santa María de Fé in Paraguay verloren gewesen. Die Bevölkerung der Umgebung versteckte die Statuen im Dschungel oder in ihren Hütten, als deren Schöpfer um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem Lande gejagt und vom ganzen Kontinent vertrieben wurden. Auch heute sind die beispiellosen Kunstwerke im südlichen Department Misiones wieder bedroht. Von Antiquitäten-Räubern aus dem nahen Argentinien. Denn solchen Heiligen begegnet man nur hier. Wer zu ihnen aufschaut, sieht in die asketischen Gesichtszüge, wie sie iberische Meister schnitzten. Wer den Blick senkt, entdeckt kräftige Waden und kurze Oberschenkel, wie sie indianische Künstler ihren eigenen Gestalten nachempfanden.

Allesamt sind diese wundersamen Hybriden hölzerne Zeugen dafür, dass sich katholische Priester schon einmal auf den Weg begaben, den Jorge Mario Bergoglio jüngst der Kirche nahegelegt hat. Sie habe "an die Peripherie zu gehen", sagte er in der Kardinalsversammlung unmittelbar vor seiner Wahl zum Papst, "nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz".

Dorthin, im wahrsten Sinne des Wortes, machten sich seine Ordensbrüder in Südamerika vor 400 Jahren auf. Gegen Hass und Neid, weiße Siedler und höfische Intrigen schufen sie 160 Jahre lang ein einzigartiges Refugium für die Indios vor Ausbeutung und Versklavung, zu dem auch die Kunstwerkstätten von Santa María de Fé gehörten. Ihre Pioniertaten regten Theologen und Theoretiker, Philosophen und Sozialisten späterer Generationen immer wieder zu Vorstellungen und Diskussionen über künftige Gesellschaftsordnungen an.

1608 gründeten zwei Priester die erste Siedlung

Davon hatten sich die ersten beiden Geistlichen, die sich an die geografischen Ränder der damaligen Welt wagten, nichts träumen lassen. Nachdem Paraguay 1606 eine eigene Ordensprovinz der Jesuiten geworden war, zogen im Dezember 1608 zwei Priester von Asunción, der Hauptstadt des Landes, in die noch unerschlossene Guairá-Region hinaus (die heute der brasilianischen Provinz Paraná entspricht). Sie segelten den Rio Paraná aufwärts und gründeten an dessen Ufer eine kleine Siedlung. Die boten sie den verstreut lebenden Indios auf ihren Streifzügen durch die Wälder als neue Heimstatt an. Für die später als kindlich und leicht beeinflussbar beschriebenen Indianer war das ein willkommener Ort; denn sie fanden hier Schutz vor den Überfällen der portugiesischen Sklavenjäger.

Von 1609 an brachen immer mehr Padres aus Asunción  zu Fuß, mit Kanus und unter größten Entbehrungen in die Urwälder Paraguays und die benachbarten Regionen der heutigen Staaten Argentinien, Uruguay, Brasilien, Bolivien auf. Die spanische Krone hatte in einem lichteren Moment ihrer Geschichte dem Verlangen der Jesuiten nachgegeben, über die Peripherie der damaligen Städte hinaus Missionssiedlungen zu gründen. Ihren Auftrag sahen die Ordensbrüder  nicht nur darin, die Indianerstämme für den Glauben zu gewinnen, sondern sie auch vor den Sklavenfängern und der Leibeigenschaft auf den Plantagen der spanischen Großgrundbesitzer zu schützen. Was sie vollbrachten, nannte später selbst der bissige Kirchenfeind Voltaire einen "Triumph der Menschlichkeit".

Die Jesuiten kamen unbewaffnet. Am Anfang stand für sie das Wort. Sie lernten die Sprache ihrer Schutzbefohlenen, verfassten Wörterbücher und Grammatiken. Aus den Dialekten der Guaraní-Stämme entwickelten sie eine einheitliche Schriftsprache. Jede Siedlung erhielt eine Schule, in der die Kinder in ihrer Muttersprache und in Spanisch lesen und schreiben lernten. So holten sie die Sprache der Ureinwohner von den geografischen Rändern in die neue Welt. Das Guaraní ist heute neben dem Amtsspanisch die Landessprache Paraguays.

Den Padres kam zugute, dass ihr freundliches, aber eher träges Indio-Volk weder zu Privatinitiative noch zu profitorientiertem Denken neigte. Verrichteten die Guaraní jedoch Gemeinschaftsarbeit nach alter Stammestradition, steigerten sie ihre Leistung sofort. Um sie anzuregen, setzten die Missionare Musik ein. So schnell wie die Priester das Guaraní beherrschten, lernten die Indianer, europäische Vespern und Messen aufzuführen. So wuchsen mit Musik Pflugscharen, aus Lehmsiedlungen wurden steinerne Barock-Städtchen mit Kirchen, gepflasterten Straßen, Gewerbebetriebe. Je zwei Jesuiten lenkten die Gemeinden von 1.000 bis 5.000 Indios, deren  Ratsmitglieder von ihren Kaziken bestimmt wurden.