Anna S. könnte ein Glücksfall für die Bundesanwaltschaft sein: Bevor am 29. August 2001 der Münchner Gemüsehändler Habil Kiliç in seinem Laden erschossen wurde, wollte sie ihre Wohnung lüften. Als sie ans Fenster trat, sah sie zwei schwarz gekleidete Männer. Die beiden lehnten ihre Fahrräder an einer Hauswand an. Darüber regte Frau S. sich so sehr auf, dass sie sich an die beiden erinnerte.

S., die nur wenige Meter vom Tatort entfernt wohnt, ist als Zeugin im NSU-Prozess geladen. Die in schwarz gekleideten Männer waren wahrscheinlich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, laut der Anklage die Mörder von Habil Kiliç. Seine Ermordung wurde am 30. Verhandlungstag im Münchner Oberlandesgericht verhandelt.

Mundlos und Böhnhardt kamen der Bundesanwaltschaft zufolge am Vormittag in den Laden im Südosten von München und streckten den Händler mit zwei Schüssen nieder. Abgefeuert wurden diese offenbar aus der Pistole Ceska 83, mit der zuvor bereits drei andere Migranten getötet wurden.

Neben S. sind auch eine Kundin des Geschäfts und ein Postbote als Zeugen geladen. Sie hatten den sterbenden Kiliç hinter der Ladentheke gefunden. Außerdem sagen zwei Gutachter aus, mit deren Expertisen die Sitzung beginnt. Der Gerichtsmediziner Oliver Peschel obduzierte damals Kiliçs Leiche. Das Opfer hatte demnach keine Chance, gerettet zu werden: "Selbst wenn ein neurochirurgisches Operationsteam daneben gestanden hätte, wäre der Schuss nicht überlebbar gewesen", sagt der Mediziner.

Der Ballistiker Hans Luber untersuchte die Projektile. Er beschäftigte sich auch mit der Frage, ob die Täter einen Schalldämpfer auf die Pistole geschraubt hatten, wie er zur Ceska 83 aus dem NSU-Fundus gehörte. Bei dem Münchner Mord lautet die Antwort seiner Analyse nach nein. Zwar hätten sich an der Leiche keine sogenannten Abstreifringe gefunden, also Spuren von Schmauch, die ein Schalldämpfer schon beim Schuss abfängt. Doch hätte eine chemische Analyse der Projektile durch das BKA keine Hinweise auf einen Schalldämpfer geliefert. Wahrscheinlicher ist, dass die Täter eine Plastiktüte über die Waffe streiften. So verhinderten sie auch, dass Patronenhülsen am Tatort zurückblieben.

Zeugin erzählt und kichert

Nach den nüchternen Gutachteraussagen ist Anna S. an der Reihe. Die 67-jährige Rentnerin erzählt, wie sie die Typen in schwarzer Radlerkleidung erblickte: "Ich wollte erst mit denen schimpfen, dass sie ihre Räder da abstellen", sagt sie und lacht. Sie wirkt seltsam aufgedreht, immer wieder kommt sie ins Kichern.

Sie habe dann doch nichts gesagt, "weil die sich unterhalten haben – da platzt man ja nicht dazwischen". Was sie redeten, hörte S. nach eigenen Angaben aber nicht. Anfang zwanzig seien die Männer gewesen und "sehr gepflegt". Außerdem, sagt die Zeugin, hätten sie "keinen nervösen Eindruck gemacht". Ihre Gesichter habe sie von oben nicht erkennen können. Nach der Unterhaltung sei das Duo Richtung Süden abgefahren – wahrscheinlich auf einen Weg, der zur Straße mit dem Laden von Kiliç führte.

Als die Polizei nach der Tat anrückte, meldete S. ihre Beobachtung einem Beamten. Kurz darauf wurde sie von einem Ermittler vernommen, außerdem 2005 noch einmal. Diese Vernehmungen wecken nun reichlich Zweifel – nicht nur bei den Anwälten der Angeklagten, sondern auch bei den Nebenklägern.