Den Tatort schaute sich Brandermittler Frank L. lieber erst einmal von außen an. Nach dem verheerenden Feuer und der Explosion in der Zwickauer Frühlingsstraße herrschte im November 2011 akute Einsturzgefahr. L. ließ sich also mit der Feuerwehrleiter auf Höhe der ersten Etage fahren. Von außen fotografierte er akribisch die Zimmer der ehemaligen Wohnung von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Oder das, was von ihnen übrig war.

Die Hauswand war weggesprengt, das gab von der Straße aus den Blick frei: Links lag das Wohnzimmer, in der Mitte ein "Sportraum" und ganz rechts im ersten Stock das Schlafzimmer. Nach hinten raus gab es noch eine Küche, ein "Katzenzimmer", eine Kammer, zwei Bäder. Die konnte L. später inspizieren, nachdem das Gebäude von den Statikern gesichert war. Alles war verkohlt, zusammengeschrumpft durch die Hitze, am Boden weiße Asche. Bis zu 1.200 Grad hätten bei dem Brand in der Wohnung geherrscht, sagt der Polizeiermittler.

L. ist ein gründlicher Mann. Mehrere Ordner mit Hunderten Fotos der ausgebrannten Wohnung hat der Ermittler bei seiner Aussage im NSU-Prozess am Mittwoch und Donnerstag dabei. Unzählige davon legte der Mann mit dem Schnauzer auf den Projektor, damit sie alle Beteiligten sehen können. Dann beschreibt er, was er sieht – hochkonzentriert, die Lesebrille auf der vorderen Nasenspitze. Die Laien erkennen allerdings zumeist nur schwarzverkohlte Haufen.

Ankläger haben Frank L. eine Menge zu verdanken

L. hingegen hat den Expertenblick: "Ganz klar zu erkennen, die Schlafstelle 3", sagt er – und deutet auf etwas, erst beim dritten Blick erkennt man die Umrisse eines Hochbett-Skeletts. Zu einem nicht näher definierbaren Fleck sagt er: "Hier, auf dem Boden liegend einige Teelichter, unbenutzt." In kohlrabenschwarzen Aufbäumungen erkennt L. die Reste einer Matratze. Sie sei "thermisch stark beaufschlagt", so beschreibt es der Ermittler.

In einem Prozess über so grausame Morde wirkt die äußerst sachliche Fachtümelei und Akribie des Brandexperten erst einmal skurril. Doch die Ankläger haben Frank L. eine Menge zu verdanken. Sie vermuten, dass Beate Zschäpe am 4. November 2011 die Wohnung in Brand steckte. Kurz zuvor soll sie von dem Tod ihrer beiden Kameraden erfahren habe. An elf Stellen in der Wohnung wurde Benzin verschüttet, es kam zu einer so gewaltigen Explosion, dass das Haus später abgerissen werden musste. Da sollten ganz offenbar Beweise vernichtet werden.

Aber Frank L. und seine Leute haben aus den Schuttbergen in und außerhalb der Wohnung dann doch so einiges herausgefiltert, was Aufschluss zum Leben der drei Untergetauchten geben kann. An manchen Stellen hatten sie Glück, weil wichtige Beweisgegenstände unversehrt blieben. So fanden die Ermittler einen Tier-Impfpass, ausgestellt auf "Mandy S., Polenzstraße. Katze namens Lily, männlich, kastriert, schwarz mit weiß", wie der Ermittler vorliest. Mandy S. war einer der Tarnnamen Zschäpes im Untergrund. An wiederum anderen Stellen half den Ermittlern ihr geschultes Auge, um den verkohlten Gegenständen Gestalt zu geben: Verkohlte T-Shirts, Zeitschriften, etwas, was einmal ein Katzenbaum und etwas, was vermutlich ein Lötkolben war.

L.s stundenlanger Fotovortrag lässt eine gutbürgerlich eingerichtete Wohnung vor dem inneren Auge entstehen. Vier "Schlafplätze" gab es laut dem Ermittler in der Frühlingsstraße – verteilt auf drei Zimmer. Ein Hochbett stand in einer Ecke des Wohnzimmers, eines im "Sportzimmer". Zwei weitere Betten befanden sich in einem anderen Raum, den L. deswegen "Schlafzimmer" nennt. Wer von den drei Bewohnern wo geschlafen hat, ist nicht mehr auszumachen.

Der Boden war mit hellem Linoleum ausgelegt, im Wohnzimmer stand ein rotes Sofa am Fenster zur Straße, es ist durch das Feuer nicht ganz zerstört worden und sieht flauschig und durchgesessen aus. Davor ein Wohnzimmertisch mit der von den Flammen fast unversehrt gebliebenen Fernsehzeitschrift in der Ablage. Im "Sportzimmer" standen eine Hantelbank und ein Laufband bereit. Zschäpe scheint eine Vorliebe für Schuhe gehabt zu haben – viele verkohlte Damenexemplare haben die Ermittler festgestellt. Im vom Feuer unversehrten Keller hängen Sportfahrräder an der Wand.