Am 4. November 2011 um kurz nach 15 Uhr endete für Rentnerin Charlotte E. ein Lebenstraum. Nach 50 Jahren in Dortmund war sie in ihre Geburtsstadt Zwickau zurückgekehrt, wohnte dort mit ihren 89 Jahren in derselben Straße wie ihre Verwandten. Ihre Nichten, auch schon im Rentenalter, schoben sie mit dem Rollstuhl spazieren oder zum Einkaufen, die beiden Urgroßnichten waren regelmäßig zu Besuch. Dann kam das Feuer.

Es war der Tag, an dem E. ihr Heim in der Frühlingsstraße 26a verlor, ihre "Traumwohnung", wie es die Nichte Monika M. an diesem Prozesstag nennt. Da ging das Mehrfamilienhaus mit den Nummern 26 und 26a in Flammen auf. Drei Verwandte von Charlotte E. sind als Zeugen im NSU-Prozess geladen: neben M. auch die Nichte Birgit H. und die Urgroßnichte Janice M. – sie alle wohnen noch heute in unterschiedlichen Häusern in der Frühlingsstraße.

Die Bundesanwaltschaft hat Beate Zschäpe wegen versuchten Mordes angeklagt, weil sie das Haus angezündet haben soll, in dem das mutmaßliche Terrortrio seinen letzten Unterschlupf hatte. Durch den Brand, so die Anklage, hätte Charlotte E. das elfte Todesopfer des NSU werden können. Als das Feuer ausbrach, war E. die einzige Bewohnerin im Haus. 

E. kann sich schlecht erinnern

Ein weiterer Nachbar war zur Arbeit gegangen; zwei Handwerker, die an dem Tag im Dachgeschoss arbeiteten, hatten schlicht Glück: Sie waren schnell einen Kaffee trinken gegangen. Für E. hätte es bei dem Brand schlimmer ausgehen können. Weil sie nur noch schlecht gehen konnte, verbrachte sie die meiste Zeit im Bett. Wenn sie einmal allein rausging, stützte sie sich auf einen Rollator.

Die Zeuginnen berichten über den 4. November. Es beginnt mit Janice M., einer heute 18-jährigen Schülerin. Die hörte erst einen lauten Knall, dann sah sie das Haus gegenüber in Flammen stehen. Kurz darauf sei eine Frau im roten Mantel über die Straße gerannt, in der Hand zwei Katzenkörbe: Das dürfte Beate Zschäpe gewesen sein. M. rief die Feuerwehr und lief hinunter zu ihrer Großmutter Monika.

Bei ihrer Aussage vor Gericht ist die junge Zeugin nervös, knetet ihre schwarze Lederhandtasche unter dem Tisch. Oft habe sie ihre Urgroßtante gegenüber gemeinsam mit ihrer Schwester besucht. Schließlich deutet sie an, wie es nach dem Brand für E. weiterging: Die alte Dame schlief für ein paar Tage im Ehebett ihrer Schwester Monika, dann zog sie zu Freunden ins Erzgebirge, bekam schließlich wieder eine eigene Wohnung in der Nähe. Daran konnte sie sich jedoch nicht mehr gewöhnen – mittlerweile lebt E. in einem Altenheim, bewegt sich kaum noch und kann sich schlecht erinnern. Deswegen ist sie auch nicht vor Gericht geladen.