Der Prozess gegen den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König ist geplatzt. Das Amtsgericht Dresden entschied überraschend, das Verfahren wegen mutmaßlichen Aufrufs zur Gewalt gegen Polizisten neu aufzurollen. Grund ist neues Videobeweismaterial der Verteidigung: Die Aufnahmen sind Teile ungeschnittener Polizeivideos der Demonstration gegen einen Neonazi-Aufmarsch in Dresden. Sie waren Ende Juni aufgetaucht. Ihr Inhalt widerspricht dem der von Polizisten bearbeiteten Videos, auf denen die Staatsanwaltschaft ihre Vorwürfe aufbaut.

Die Staatsanwaltschaft Dresden wirft dem 59-jährigen Theologen in dem Verfahren vor, während der Demonstration gegen einen Neonazi-Aufmarsch in der Stadt am 19. Februar 2011 unter anderem zur Gewalt gegen Polizisten aufgerufen zu haben. Der Angeklagte bestreitet das. Vielmehr habe er deeskalierend auf die Demonstranten eingewirkt. Bei Ausschreitungen während der Demonstrationen war es zu teilweise heftigen Zusammenstößen zwischen der Polizei sowie Rechts- und Linksextremen gekommen.  

Nachdem vor Gericht eine geschnittene Szene aus dem der Anklage zugrunde liegenden Video dem ungeschnittenen Rohmaterial gegenübergestellt worden war, stimmte auch die Staatsanwältin dem Antrag der Verteidigung auf Aussetzung der Hauptverhandlung zu.   

Insgesamt sind nach übereinstimmenden Angaben von Verteidigung, Gericht und Staatsanwaltschaft nun etwa 200 Stunden Rohvideomaterial vom angeblichen Tattag mehrfach zu sichten und auszuwerten. Deswegen sei mit einer Unterbrechung der Verhandlung von vier bis sechs Monaten zu rechnen. "Es geht wieder ganz von vorne los", sagte eine Gerichtssprecherin.   

Königs Verteidiger hatte im Prozess Polizisten Fälschung von Beweisen vorgeworfen. Sie waren an der Erstellung jenes Videomaterials beteiligt, auf das sich die Anklage stützt. Die entsprechenden Sequenzen seien manipulativ zusammengeschnitten worden, so der Anwalt.

Ob der Prozess überhaupt fortgesetzt wird, ist derzeit völlig offen – obwohl König mit der Entscheidung nicht freigesprochen ist. Es gebe mehrere juristische Möglichkeiten, sagte die Gerichtssprecherin. Eine davon sei, dass das Gericht das Verfahren einstelle, eine andere, dass die Beweisaufnahme noch einmal völlig von vorne begonnen werde. Königs Verteidigung kündigte an, die Einstellung des Verfahrens zu beantragen.