Als der Schnellzug bei Santiago de Compostela entgleiste, war er mehr als doppelt so schnell wie an dieser Stelle der Strecke erlaubt. Der Lokführer räumte ein, viel zu schnell gefahren zu sein. Der Zug sei mit rund 190 Stundenkilometern unterwegs gewesen, obwohl in der Unglückskurve höchstens Tempo 80 zulässig gewesen sei, bestätigte er nach Angaben der Ermittler. Der Grund der überhöhten Geschwindigkeit blieb bislang unklar.

Der Schnellzug war am Mittwochabend in einer engen Kurve etwa vier Kilometer vor dem Bahnhof der Pilgerstadt Santiago de Compostela entgleist . Die vorderen Waggons kippten auf eine Böschung neben den Schienen, ein Wagen flog über eine Barriere neben dem Bahndamm hinweg und landete auf einer Straße in der Nähe mehrerer Wohnhäuser (interaktive Grafik von El Mundo hier ) . Die hinteren Waggons prallten gegen eine Abgrenzungsmauer und verkeilten sich ineinander. Zwei Wagen waren so sehr zerstört, dass es Stunden dauerte, bis die Rettungskräfte sich den Weg ins Innere bahnen konnten.

Der Unglückszug war von Madrid unterwegs zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten Spaniens . An Bord waren mehr als 220 Passagiere und Bedienstete. Keiner kam heil aus den Trümmern. Die beiden Lokführer überlebten nahezu unverletzt.

Die Zahl der Getöteten Fahrgäste stieg nach Angaben von Krankenhausmitarbeitern auf 80. Von den etwa 140 Verletzten seien 36 in einem kritischen Zustand, hieß es.

Rauch an der Unglücksstelle

Die Trümmer des Zuges liegen über ein weites Gebiet verteilt . Rettungsmannschaften und Spezialisten versuchen mit schwerer Technik, die Reste der Wagen beiseite zu heben.

Einige Anwohner wollten kurz vor dem Entgleisen des Zuges einen lauten Knall oder eine Explosion gehört haben. Gleich nach dem Unglück stieg eine Rauchwolke über der Unfallstelle auf.

Das spanische Innenministerium stellte noch in der Nacht fest: Ein Terroranschlag oder ein Sabotageakt seien als Unglücksursache auszuschließen.

Kräftiger Ruck in der Kurve?

Der Zug hatte zum Zeitpunkt des Unglücks fünf Minuten Verspätung. Die Bahngesellschaft Renfe wollte die Spekulation, dass die Lokführer möglicherweise Zeit aufholen wollten, nicht gelten lassen. "Verspätungen in einer Größenordnung von fünf Minuten sind auf diesen Strecken nicht ungewöhnlich", zitierte die Nachrichtenagentur EFE aus Kreisen des Unternehmens. Laut Renfe hatte der Zug auch "kein technisches Problem".

Der Zug fuhr auf einem Neubau-Abschnitt des Hochgeschwindigkeitsnetzes der Bahn. Auf einer langen geraden Strecke durfte der Zug schneller als 200 Kilometer pro Stunde fahren. Am Stadtrand von Santiago hätte er aber bremsen müssen, weil die Bahnstrecke dort die enge Kurve macht.

Experten hatten schon vor Jahren bemängelt, die Kurve sei problematisch. Dies bekamen bei der Einweihung der Strecke 2011 auch die ersten Fahrgäste zu spüren. Sie verspürten, wie die Zeitung El País erinnerte, beim Einbiegen in die Kurve einen kräftigen Ruck. Einige hätten fast das Gleichgewicht verloren.

Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy , selbst aus Santiago de Compostela stammend, besuchte den Unglücksort. Er kündigte drei Tage Staatstrauer an. Bundeskanzlerin Angela Merkel und viele andere Politiker sprachen den Spaniern ihre Anteilnahme aus.

Livestream vom Unglücksort hier