Jetzt ist Pause. Einen Monat lang ruht der Münchner NSU-Prozess. Es könnte die Gelegenheit sein, die Beweisaufnahme zu ordnen, die seit Wochen zwischen mehreren Tatvorwürfen hin- und herpendelt. Die Verhandlung ist verwirrend geworden – auch wenn das Gericht bei den Zeugenbefragungen erstaunlich effizient geworden ist. Sieben Befragungen passen in den letzten Tag vor den Prozessferien.

Der Senat verhandelt zwei Morde: Es geht um die erschossenen Dönerverkäufer Yunus Turgut und Ismail Yaşar. Turgut starb am 25. Februar 2004 in seinem Rostocker Imbiss, Yaşar am 9. Juni 2005 in Nürnberg. Es handelt sich um die fünfte und sechste Tat der Serie, beide Fälle hat die Bundesanwaltschaft Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugeordnet.

Turguts Fall hatte das Gericht bereits am vergangenen Donnerstag eingeführt. Die Prozessbeteiligten hörten die Aussage des Fachinformatikers Alexander H., der nur wenige Meter vom Imbiss entfernt wohnte und um kurz nach zehn Uhr am Vormittag zwei Schüsse vernahm. H., der sich ausführlich mit dem Thema Ballistik beschäftigt hatte, war der Meinung, bei den Schüssen sei kein Schalldämpfer verwendet worden. Andernfalls hätte er die Geräusche gar nicht hören können.

Befragt werden ausschließlich Ermittler

Der 25-jährige Turgut arbeitete als Aushilfe in dem Imbiss, nach Rostock war er erst wenige Monate zuvor gekommen. Wie er genau starb, erklärt der Rechtsmediziner Rudolf Wegener: Dreimal sei das Opfer getroffen worden,  die Schüsse in Schläfe und Hals seien tödlich gewesen. Sanitäter versuchten mehr als eine Stunde lang, ihn zu reanimieren – ohne Erfolg: Turgut starb im Rettungswagen.

Es folgt der Mord an Ismail Yaşar – und damit eine Beweisaufnahme im Zeitraffer: Es geht so schnell, dass der Senat zwischenzeitlich sogar den Zeitplan überholt. Befragt werden ausschließlich Ermittler.

Yaşar wurde 50 Jahre alt, 27 davon hatte er in Deutschland verbracht. Von seiner Ehefrau lebte er geschieden, mit seinem Tod ließ er den gemeinsamen Sohn Kerem zurück, der zur Tatzeit 15 Jahre alt war. Yaşar war mit einem Asylantrag nach Deutschland gekommen. Dreimal heiratete er hier, die zweite Ehefrau war eine Deutsche. Damit erhielt er in den achtziger Jahren die unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Der Türke arbeitete als Schweißer, bis er sich Anfang des Jahrtausends mit seinem Imbiss selbstständig machte.

Dort starb er: Fünfmal schossen die Täter laut Anklage auf ihr Opfer. Womöglich hatten sie zuvor eine Plastiktüte über die Waffe gestreift, denn am Tatort fanden sich keine Patronenhülsen. Die Beweislage stellt sich als wesentlich eindeutiger heraus als bei mehreren anderen NSU-Morden: Vier Zeugen machten hilfreiche Angaben, ihre Aussagen fasst ein Nürnberger Kommissar zusammen.

Drei von ihnen berichteten von zwei Fahrradfahrern, zwei hörten Schüsse. Die Sichtung der Radfahrer ist eine Parallele zu den vorherigen Morden an Enver Şimşek und Habil Kiliç, sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Beweiskette. Eine Zeugin sah ihren Angaben zufolge außerdem, wie einer der Radler dem anderen eine gelbe Plastiktüte in den Rucksack steckte.