Albert Vögeler ist zu erfahren, um sich Druck anmerken zu lassen. 51 Jahre, Leiter des Kriminalfachdezernats 1 in Nürnberg, lange Jahre in Mordkommission und Kripo. Einen Untersuchungsausschuss im Bundestag hat er hinter sich, einen im bayerischen Landtag. Befragt wurde er zur Ermittlungsarbeit bei den NSU-Morden – der Kommissar war Teil der Soko Bosporus, die die Mordserie an Migranten aufklären sollte. Was sie nicht schaffte.

Nun muss sich Vögeler zum dritten Mal einer kritischen Öffentlichkeit stellen: Im Münchner NSU-Prozess steht er im Zeugenstand, spricht mit ruhiger Stimme, seine Hände liegen locker gefaltet auf dem Tisch. Dem Druck hält er stand, auch wenn die Konfrontation mit seiner zurückliegenden Arbeit wohl noch nie so direkt war: Die Nebenkläger Kerim und Semiya Şimşek sind in den Sitzungssaal gekommen – ihr Vater Enver war 2000 das erste Mordopfer des NSU. Für die Ermittlungen damals zuständig: Vögeler. Auch den zweiten Mord der Serie an Abdurrahim Özüdogru, der wie Şimşek in Nürnberg ermordet wurde, untersuchte er.

Şimşek, der mit seiner Frau Adile und den beiden Kindern in Hessen wohnte, hatte seinen mobilen Verkaufsstand an einer Hauptstraße aufgebaut, als ihn die Täter überraschten. Sie streckten ihn mit acht Schüssen aus zwei Pistolen nieder – eine davon war die Ceska 83, die bei allen Migrantenmorden der Serie zum Einsatz kam. Şimşek starb zwei Tage später im Krankenhaus, er wurde 38 Jahre alt.

Özüdogru arbeitete hauptberuflich in einer Metallfirma, führte nach der Trennung von seiner Frau deren Schneiderei weiter. Dort wurde er 2001 erschossen. Der erste Schuss traf den 48-Jährigen ins Gesicht, der zweite aus kurzer Entfernung in die Schläfe. Erst nach Stunden fand ihn ein Passant, da war Özüdogru bereits tot. Er hinterließ eine Tochter.

Eine Erfolgsgeschichte hat Vögeler vor Gericht nicht zu erzählen. Gerade deswegen haben die Nebenkläger reichlich Fragen an ihn. Die drängendste lautet: Warum ermittelten die Nürnberger nach den Migrantenmorden in alle möglichen Richtungen – nur nicht nach rechts?

Kurz gesagt: Weil andere Spuren offenbar zu verlockend erschienen. Vögeler legt dem Gericht dar, wie sie während der Şimşek-Ermittlungen einen rivalisierenden hessischen Blumenhändler in Augenschein nahmen. Dieser habe einmal geäußert, er wolle "Şimşek vernichten" und angeblich nach einem Auftragsmörder gesucht. Als sie den Händler dennoch ausschließen mussten, führte die Spur auf "einen Geldeintreiber" aus Ludwigshafen, der in einen Drogenprozess verwickelt war. Zeugen aus genau diesem Prozess belasteten Şimşek als eine Art Dealer, logen aber nachweislich. Und das war noch lange nicht das Ende der Ermittlungen im Bereich der organisierten Kriminalität.

Ähnlich der Fall Özüdogru: In Koffern des Arbeiters und auf dem Beifahrersitz seines alten Mercedes fand die Polizei im Staub Spuren von Kokain, Heroin und Cannabis. Aber: "Es handelte sich um kleinste Mengen, das könnten auch Übertragungsspuren sein", sagt Vögeler. Der Verdacht reichte jedoch, auch hier sorgfältig nach Verbindungen ins Drogenmilieu zu suchen, die Indizien führten plötzlich bis nach England. "Das stellte sich letztlich als nicht richtig heraus", sagt der Kommissar. Anwalt Mehmet Daimagüler will wissen, ob denn wegen des Drogenverdachts auch der Vorbesitzer von Özüdogrus Auto geprüft worden sei. "Nein, wir haben ihn nicht befragt", sagt Vögeler.