Neue Termine bis Ende 2014, ein Hinweis auf eine mögliche weitere Tat des NSU, noch immer Hunderte Zeugen zu laden: Alles spricht dafür, dass zwei Jahre für den NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht nicht reichen werden.

Von den zehn Morden, die dem NSU zugeschrieben werden, sind bis heute fünf in die Hauptverhandlung eingeführt, abgeschlossen ist die Beweisaufnahme in keinem der Komplexe. Auch mit der Brandstiftung in Zwickau, die Beate Zschäpe vorgeworfen wird, beschäftigte sich das Gericht. Die Aufarbeitung der zwei Anschläge in Köln und der 15 Banküberfälle steht hinten an. Es ist noch zu früh, um in diesem wendungsreichen Prozess über Urteile zu spekulieren – doch liegen bereits wichtige Indizien gegen die fünf Angeklagten auf dem Tisch. Ein Überblick.

Beate Zschäpe

Bei keinem der Angeklagten ist der Unterschied zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation so groß wie bei Zschäpe: Die 38-Jährige sagt nichts. Dafür feixt sie mal mit ihren Anwälten, lacht, schmollt gelegentlich – wie auf einem Treffen mit guten Freunden. Ihre selbstbewusste, offene Persönlichkeit mag sie auch im Gerichtssaal nicht verbergen – das gilt umso stärker, je mehr Verhandlungstage vergehen.

Zugleich mehren sich die Indizien, die gegen die Hauptangeklagte sprechen. Exemplarisch ist die Untersuchung des Zwickauer Wohnungsbrandes 2011: Mehrere Nachbarn wollen sie nahe dem brennenden Haus mit zwei Katzenkörben gesehen haben, in ihren Socken fanden die Ermittler Benzinspuren, im Haus einen Benzinkanister. Den Brand hat das Gericht bislang am intensivsten untersucht. Mit jeder Zeugenaussage erhärtete sich der Tatvorwurf.

Zur Mittäterschaft an den zehn Morden läuft die Beweisaufnahme nur langsam. Zschäpes Nachbarn stellten die Hauptangeklagte als den kommunikativen Teil des Trios dar – ein Hinweis auf ihre Funktion als Tarnschirm für die Untergetauchten. Gewichtige Beweise für eine direkte Verstrickung fehlen bislang. Die Anklageschrift lässt durchblicken, dass die vor allem durch Dokumente und Dateien aus der abgebrannten Wohnung belegt werden soll.

Ralf Wohlleben

Ein Geburtshelfer des NSU – so stellten Carsten S. und Holger G. den 38-Jährigen Wohlleben in ihren Aussagen dar. Er habe über S. Kontakt zu dem Trio gehalten und ihnen die Ceska 83 beschaffen lassen, mit der neun Menschen getötet wurden, sagte dieser aus. Holger G. berichtete ebenfalls von einem Waffentransport im Auftrage Wohllebens. Der Vater zweier Töchter sitzt in U-Haft und ist der neunfachen Beihilfe zum Mord angeklagt. 

Wohlleben erscheint jeden Morgen einen Jutebeutel mit der Aufschrift "Jena" im Gericht, setzt sich hin und scheint zu versteinern. Die Vorwürfe gegen ihn sind bislang unwidersprochen geblieben. Seine Anwälte Nicole Schneiders und Olaf Klemke kamen nach den Aussagen der anderen Angeklagten merklich aus der Deckung hervor, gingen häufig Zeugen an und widersprachen penibel vielen Fragen der Nebenklage-Anwälte. Ein entlastendes Detail, wie es Carsten S. über Beate Zschäpe geliefert hatte, war über Wohlleben noch nicht zu hören.

Carsten S.

Er weinte, zögerte, schämte sich – und wirkt nach seiner Aussage wie befreit: Carsten S. ist der einzige Angeklagte, der die Vorwürfe gegen ihn umfassend eingeräumt hat. Weil er die Ceska 83 besorgt hat, mit der neun Migranten erschossen wurden, ist der 33-Jährige wie Wohlleben als Helfer angeklagt.

Seine Einlassung dauerte acht Tage und prägte den Prozess nachhaltig: Beate Zschäpes Verteidiger gaben sich im Anschluss wesentlich entspannter. Dazu dürfte beigetragen haben, dass S. ihre Mandantin etwas entlastet hat: So hätten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihm bei einem Treffen von einem Anschlag erzählt und dann gesagt: "Psst, die darf das nicht hören." Ein Detail, das als Indiz gegen eine Mitwisserschaft von Zschäpe interpretiert werden könnte – aber nicht muss. Derzeit untersucht die Bundesanwaltschaft den Sprengstoffanschlag, der noch vor dem ersten Mord der Serie in Nürnberg verübt wurde.

Belastend war S.‘ Aussage allerdings für Ralf Wohlleben. Seiner Darstellung nach war Wohlleben zumindest zu Anfangszeiten des NSU ein Strippenzieher, ohne den nichts lief. Viel konnten dessen Verteidiger nicht gegen den Belastungszeugen unternehmen: S. lehnte es ab, ihre Fragen zu beantworten.