Die Verbrechen des Generals Augusto Pinochet entzweien die chilenische Gesellschaft bis heute. Frühere Mitglieder der Militärjunta und deren Nachkommen scheuen die Konfrontation mit den Opfern der Militärdiktatur, die in den 1970er und 1980er Jahren für mehr als 3.200 Morde und mehr als 38.000 Fällen von Folter verantwortlich sein soll. Eine bislang einzigartige Erklärung der Richtervereinigung könnte diese Spaltung nun überwinden helfen.

Knapp 40 Jahre nach der Machtergreifung von Pinochet formulierten die Richter eine Entschuldigung an die Opfer von dessen Herrschaft: "Es muss klar gesagt und vollständig anerkannt werden: Das Justizsystem und insbesondere das Oberste Gericht damals versagten in ihrer Rolle als Garanten der grundlegenden Menschenrechte und diejenigen zu schützen, die Opfer der Misshandlung durch den Staat waren."

Am 11. September 1973 hatte sich General Augusto Pinochet mithilfe der CIA an die Spitze des Staates geputscht und den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt. Innerhalb weniger Stunden übernahm die Armee die Kontrolle des Landes, jagte Oppositionelle und deren Sympathisanten, errichtete Geheimgefängnisse, wo Tausende zu Tode gefoltert wurden. Andere wurden in Flugzeuge geschleppt und über dem Meer abgeworfen.

Bis heute von vielen keine Spur

Die chilenische Justiz weigerte sich lange, den Angehörigen der Opfer beizustehen. Gerichte wiesen in etwa 5.000 Fällen Anfragen nach Hilfe bei der Suche nach Vermissten ab, die Geheimdienst und Sicherheitskräfte entführt oder ermordet hatten. Man habe keine Informationen dazu, hieß es. Von der Mehrzahl der während der Diktaturen Verschwundenen fehlt bis heute jede Spur. 

Die Aufarbeitung der Militärdiktatur begann allerdings schon kurz nachdem Pinochets demokratisch gewählter Nachfolger, der Christdemokrat Patricio Aylwin , sein Amt angetreten hatte. Er setzte die Nationale Kommission Wahrheit und Versöhnung ein, die die damals begangenen Menschenrechtsverletzungen untersuchen sollte. Das Gremium hatte allerdings keine Ermittlungserlaubnis und richterliche Befugnis und durfte die Namen von Tätern nicht veröffentlichen. Einen später veröffentlichten Bericht wies die Führung der Streitkräfte, vor allem des Heeres und der Marine, als einseitig zurück.

Dennoch befassten sich in der Folge zunehmend auch die Gerichte mit dem Pinochet-Regime. Schuldige, darunter der frühere Geheimdienstchef Manuel Contreras, wurden verurteilt, allerdings fielen die Strafen überwiegend milde aus. Im Laufe der Jahre erlebte Chile eine schrittweise Demokratisierung, die in der Verfassungsreform im Jahr 2005 gipfelte.

"Ich bitte um Vergebung"

Zu dieser Entwicklung – bis hin zur nun veröffentlichten Entschuldigung der Richtervereinigung –  trugen auch die personellen Veränderungen in Chiles Politik und Judikative bei. Von Pinochet ernannte Richter gingen in Ruhestand, die Rechtsprechung stellte die Belange der Opfer in den Mittelpunkt. So gelten jene Opfer, deren Leichen bislang nicht gefunden wurden, immer noch als entführt: Die entsprechenden Verfahren können also bislang nicht eingestellt werden und damit den Familien ihre Rechte verwehrt werden.

Kommende Woche werden all die Entführten, Gefolterten und Ermordeten wieder ins Bewusstsein der Chilenen rücken. Die derzeitige Mitte-Rechts-Regierung will den 40. Jahrestag ganz offiziell begehen, Präsident Sebastian Pinera nannte den Tag eine "Zeit der Reflektion". Zuvor hatte sich bereits Hernan Larrain, der frühere Vorsitzende der rechtskonservativen UDI, für die Beteiligung seiner Partei an der späteren Regierung Pinochet entschuldigt. "Ich bitte um Vergebung", sagte er. "Das ist mein Beitrag zur Aussöhnung."