Sonntagvormittag in der Ikea-Filiale im Westen von Peking: Mitarbeiter Wang Jun quetscht sich mit Wischmob und Eimer durch das Gedränge. In der Abteilung für Einbauküchen hat eine Familie eine Portion Mapo-Tofu auf den Boden fallen lassen. Der scharfe Geruch dieser in China beliebten Speise hängt noch in der Luft. Nun klebt die rote Chili-Sauce an Fliesen und Schrankwänden der Ausstellungsküche. Der 23-Jährige nimmt es gelassen. Das ginge ja noch, sagt er. Viel schlimmer sei es, wenn Großmütter ihre Enkelkinder in der Bettenabteilung in Plastikflaschen pinkeln lassen und dabei sehr viel daneben geht. Er müsse deswegen schon mal die Matratzen austauschen.

Die Chinesen lieben Ikea. Und zwar nicht nur zum Einkaufen, sondern zum Verweilen. Allein durch die Pekinger Filiale strömen nach Unternehmensangaben im Schnitt täglich 28.000 Menschen, an manchen Sonntagen sind es doppelt so viele. "Die Besucherzahl in unseren chinesischen Filialen ist sehr viel größer als anderswo auf der Welt", sagt Linda Xu, Unternehmenssprecherin von Ikea-China. An Wochenenden und Feiertagen werde Ikea zum Ausflugsort für die ganze Familie.

So auch an diesem Sonntag. In der Abteilung für Kindermöbel tobt ein halbes Dutzend Kinder zwischen Kleiderschrank "Trogen", Hocker "Mammut" und Hochbett "Kura" herum. Kinderbücher, Stofftiere – alles, was in anderen Ikea-Häusern lediglich der Dekoration dient, wird in der Pekinger Filiale aktiv genutzt. Der vierjährige Sohn der Familie Li hat sich zum Beispiel mit Stofftierhase "Harig" und Handpuppeneule "Uggla" gleich mehrfach eingedeckt. Hase Harig dient als Wurfgeschoss und trifft ein anderes Kind. Großmutter Li sitzt verlegen daneben und versucht zu beruhigen: "Ist ja nicht schlimm, war doch bloß ein Stofftier." Die Eltern beider Kinder haben sich zum Möbelschauen abgesetzt.

Seit 1999 gibt es die Pekinger Ikea-Filiale. Obwohl sie sich seit dem ersten Tag an großer Beliebtheit erfreute, hat die Firmenleitung lange gezögert, landesweit zu expandieren. Zu ungewöhnlich waren für das schwedische Unternehmen die chinesischen Eigenarten – und die täglichen Menschenmassen. Auch an diesem Sonntag wird überall gedrängelt, nach Kindern gerufen, in Handys gebrüllt. Wer seinen Körper nicht mit den Armen schützt, bekommt vielleicht einen Ellbogen in die Rippen gestoßen. 

Nicht selbstverständlich: ohne Schuhe unter die Bettdecke

Wer es dann zur Ausstellungsfläche der Sessel und Sofas oder in die Bettenabteilung geschafft hat, lässt sich erschöpft in die weichen Polster fallen. Wenn er Platz findet. Denn sowohl die Sofas als auch die Betten ein paar Gedrängemeter weiter sind regelmäßig mit schlafenden Besuchern belegt. "Ikea-Nickerchen" (yijia wujiao) ist inzwischen ein feststehender Begriff in Peking. Besonders an heißen Sommertagen oder in den Wintermonaten, wenn die Stadt draußen minus 20 Grad misst, geht es auf den Ausstellungsflächen für Betten und Polstermöbel zu wie bei einer Kissenschlacht. Viele Chinesen kommen wegen der klimatisierten Hallen oder entfliehen dem Pekinger Smog.

Auf dieses Verhalten musste sich die schwedische Firma erst einmal einstellen. "Die meisten Ikea-Besucher und Kunden benehmen sich gut und zivilisiert", beteuert Ikea-Sprecherin Xu diplomatisch und fügt in einem Nebensatz hinzu: Wer das nicht tue, werde dezent auf sein Fehlverhalten hingewiesen.

Die im Ausstellungsbereich arbeitenden Ikea-Mitarbeiter drücken sich weniger diplomatisch aus. Die Besucher dezent rügen? Das sei angesichts der Massen gar nicht möglich, klagt Mitarbeiter Wang. Die Kollegen hätten eigens einen dafür abgestellt, alle paar Tage die Bettwäsche zu wechseln. Immerhin würden sich inzwischen die meisten Besucher die Schuhe ausziehen, bevor sie sich unter die Bettdecke kuscheln. Das sei vor einigen Jahren noch anders gewesen.

"Unsere Besucher wollen fernsehen"

Ikea hat sich auf die chinesischen Besonderheiten eingelassen und doch noch expandiert. Zwölf Einrichtungshäuser gibt es in China inzwischen, weitere fünf sollen in den nächsten Monaten eröffnen. Durchwühlte Bettwäsche gehört einfach zu den chinesischen Filialen. Genauso wie hier das Ikea-Restaurant neben Köttbullar und Kartoffelpüree auch Mapo-Tofu und Nudeln in schwarzer Bohnensoße verkauft. Und auf dem Fernsehtisch in den Showrooms für Wohnzimmer steht auch nicht nur eine Attrappe aus Pappe, sondern ein echter Flachbildschirm. "Unsere Besucher wollen fernsehen", sagt Wang.

Student Wu hat es sich mit einem Kumpel auf einer Couch gemütlich gemacht. Um ihn herum steht die komplette Garnitur der Serie "Besta". Im Fernsehen läuft ein Autorennen. Eigentlich sei er zum Lernen gekommen, sagt er und zeigt auf einen Ordner, den er mitgebracht hat. Zudem wolle er einfach mal unterschiedliche Schreibtische ausprobieren. Ob er denn auch gedenke zu kaufen? "Ach quatsch", antwortet er. Er teile mit drei Kommilitonen ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer im Studentenwohnheim. Da passe kein Ikea-Schreibtisch mehr hinein.