Wenn Imam Ilfar Chasa now durch seine Moschee auf dem Burgberg in Kasan führt, ist sein Stolz nicht zu überhören. Die schönste Moschee Russlands, sagt er, haben sie hier in der Hauptstadt Tatarstans errichtet und 2005, als Kasan 1000 Jahre alt wurde, eingeweiht. Die Minarette des schlanken weißen Gebäudes mit dem türkis Dach leuchten weithin, 58 Meter hoch ragen sie in den Himmel über Kasan.

Die Kul-Scharif-Moschee gilt als Prunkstück islamischer Kirchenbaukunst. Alles ist prachtvoll: die Architektur; der Teppich, ein Geschenk der Islamischen Republik Iran; die riesigen Kristalllüster aus Tschechien; Marmor und Granit aus dem Ural und anderes kostbares Steinzeug für die Mosaiken, die Wände und Kuppel zieren. Vielfarbige Dekorationen sind zu sehen, auch Suren des Korans; Ilfar Chasanow liest sie vor: Diese Schönheit, sagt er, sei jedermann zugänglich, ein muslimisches Gotteshaus sei offen für alle Gläubigen, in Tatarstan lebe man mit allen Religionen in schönstem Frieden.

Das freilich ist nicht überall in Russland so. Mit großem Argwohn betrachtet die russische Politik das weitgehend unkontrollierte Vordringen des Islam, vor allem in den Städten. Allein in den letzten zwölf Monaten brachen mehr als fünf Millionen Usbeken, Tadschiken, Aserbaidschaner und Kirgisen zur Arbeitssuche nach Russland auf, Zündstoff mittlerweile in allen Kommunen. Schon macht sich unter der einheimischen Bevölkerung durch die islamische Migration zunehmende Fremdenfeindlichkeit breit. Aus der Region Stawropol sind bereits 20 Prozent der russischen Bevölkerung weggezogen, weil die Russen sich von Islamisten bedroht fühlen. Ähnliches geschah in Dagestan. Immer wieder sind solche Ereignisse eine Folge aggressiver islamistischer Übergriffe vor allem der Wahhabiten und Salafisten, die – aus dem Golfstaat Katar direkt gefördert – in vielen Regionen Russlands an Boden gewinnen.

Die Frage, wie man mit den islamischen Migranten umgeht, ist daher längst zum politischen Zankapfel avanciert. In Moskau macht sich die Migration am stärksten bemerkbar. Etwa zehn Prozent der zwölf Millionen Einwohner der Stadt seien Muslime, schätzt die Stadtverwaltung, und für sie gibt es gerade einmal vier Moscheen. Deshalb fordern die Muslime den Bau neuer islamischer Gotteshäuser. Das stößt nicht nur auf den Widerstand der Bevölkerung und der russischen Nationalisten, sondern auch auf den des Bürgermeisters der Stadt, Sergei Semjonowitsch Sobjanin. Die Masseneinwanderung von Arbeitsmigranten sei, so Sobjanin, "schädlich" und dürfe durch den Bau von Moscheen nicht noch gefördert werden. Zudem seien viele dieser Menschen weder russische Staatsbürger noch gemeldete Einwohner Moskaus. Deshalb sollen nun erst einmal Gebetsplätze in den Stadtparks eingerichtet werden, hundert an der Zahl.

Moskaus Muslime sind mit dieser Behandlung nicht einverstanden. Um sich herum sehen sie Hunderte neuer Kirchen der russischen Orthodoxie entstehen und verlangen für ihre Religion gleiches Recht. Die Spannungen wachsen, weshalb überall in Russland Politiker mit großer Anstrengung nach Wegen suchen, in den altrussischen Gebieten ein spannungsfreies Zusammenleben mit muslimischen Einwanderern zu ermöglich. Auch in der Stadtverwaltung Moskaus kümmert sich eine eigene Abteilung darum, weltweit nach vorbildlichen Modellen zu forschen, die sich vor Ort übernehmen ließen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der "Christ&Welt"

Die Experten müssen sich beeilen. Denn der Islam entwickelt sich stürmisch in Russland. Mehr als 20 Millionen Gläubige hängen der Religion an, am stärksten ist sie im Nordkaukasus, an der mittleren Wolga und im Ural. Auch die russische Orthodoxie begegnet dem Islam nicht ohne Argwohn, da er vor allem im südlichen Mittelasien und im Nahen Osten und durch die Migration eben auch in Russland seine fundamentalistischen Strömungen nicht in den Griff bekommt. Vor diesen Fundamentalisten haben auch russische Christen Angst: vor ihren Anschlägen, vor ihren physischen Attacken, vor der politischen Unruhe, die sie schüren.

Dagegen müsse man sich stärker wehren, sagt Metropolit Hilarion Alfejew, der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats. Politiker wie Kirchenführer sehen die demografischen Faktoren für das Erstarken des Islam in Russland. Die Geburtenrate der muslimischen Völker Russlands ist höher als die der Russen und christlichen Völker. Trotz Krieg soll seit der Unabhängigkeit Russlands die Zahl der Tschetschenen um 50 Prozent gestiegen sein, die der Lesgier um 60 Prozent, die der Inguschen sogar um 90 Prozent, alles islamische Ethnien. Zugleich schrumpft die russische Bevölkerung, weshalb einige russisch-orthodoxe Nationalisten die Gefahr einer wesentlichen Verschiebung der religiösen und ethnischen Gewichte beschwören. Zum Ende des 21. Jahrhunderts, sagen sie, könnte Russland mehrheitlich "islamisiert" sein.

Wäre das der Beginn von Christenpogromen? Um das zu verhindern, müsse man außenpolitisch dort tätig werden, wo der fundamentalistische Islam seine Quellen hat, sagt Metropolit Hilarion. Entsetzt registriert er die Unempfindlichkeit, mit der der Westen der Christenverfolgung überall zuschaut. Die europäischen Regierungen förderten bei den Regimewechseln im Nahen Osten oft die Falschen, "und immer kommen dann radikale Islamisten an die Macht, die das Christentum vernichten", in Ägypten müssten das nun die Kopten erleben. Banditen mordeten die Christen, "jedes Mal höre ich als Antwort nur Schweigen." Auch die Gremien der Europäischen Union, so Hilarion, "beschließen nur Resolutionen, tun aber nichts".