Wolfgang F. ist es leid. Die immer gleichen Fragen der Polizisten. Die Unterstellungen. Die quälende Erinnerung an den 15. Juni 2005, die die Ermittler immer wieder aufgefrischt haben. Der 46-Jährige spricht heiser, leise, wie kurz nach dem Aufstehen. Was er hier im Gerichtssaal sagt, leiert er lustlos herunter. "Sie müssen wissen, ich wiederhole das jetzt zum fünfzigsten Mal", sagt er zu Richter Manfred Götzl.

Wahrscheinlich ist es heute die letzte Wiederholung. F. muss als Zeuge im NSU-Prozess aussagen. Er war es, der damals als erster seinen Geschäftspartner Theodoros Boulgarides im Ladenlokal ihres Münchner Schlüsseldienstes fand. Auf dem Rücken liegend, in einer Lache von Blut, ein Stück hinter dem Verkaufstresen. Der Grieche war das siebte Opfer des NSU, gestorben im Alter von 41 Jahren. Seine Exfrau Yvonne, von der er sich kurz vor seinem Tod hatte scheiden lassen, ist als Nebenklägerin im Saal, ebenso die beiden Töchter. Sie waren damals 15 und 18.

"Der Theo", so nennt Wolfgang F. ihn, "war immer auf Frieden ausgerichtet." Außerdem sei er sehr zuverlässig gewesen. Ein idealer Geschäftspartner. F. hatte ihn durch einen Freund kennengelernt, sie kannten sich für acht Monate. Zusammen eröffneten sie den Schlüsseldienst in Sichtweite der Donnersbergerbrücke in München. Die Ladeneinrichtung bauten sie selbst auf, ständig sprachen sie bei möglichen Kunden vor. Die Nachtschichten teilten sie sich, irgendwie bekamen sie es hin, dass tagsüber immer jemand im Laden war. Die meiste Zeit war das Boulgarides.

Deutschland war Boulgarides' Heimat geworden

Auch am frühen Abend des 15. Juni 2005. F. wollte noch etwas mit dem Freund bereden, rief die Notdienstnummer ihres Geschäfts an. Doch niemand nahm ab. F. wunderte sich, der Anschluss musste rund um die Uhr erreichbar sein. "Dann bin ich in den Laden gefahren und hab ihn halt gefunden", sagt er. Auch von diesem Moment hat er zu häufig erzählt, als dass er äußerlich noch bewegt sein könnte.

Die Bundesanwaltschaft hat den 15. Juni 2005 so rekonstruiert: Boulgarides stand hinter dem Tresen in seinem Geschäft, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hereinkamen. Einer von ihnen hielt eine Plastiktüte in der Hand, darunter versteckt: die Pistole Ceska 83, die bereits bei den sieben vorigen NSU-Morden zum Einsatz gekommen war. Dadurch war Boulgarides nicht nur bis zuletzt arglos, auch fanden sich am Tatort weder Patronenhülsen noch Schmauchspuren.

Die erste Kugel traf das Opfer neben der Nase und blieb in seinem Hinterkopf stecken. Boulgarides stürzte auf den Boden. Einer der Schützen kam zu ihm hinter den Tresen, richtete die Ceska in Richtung seines Kinns und drückte zweimal ab. Boulgarides starb noch am Tatort.

Deutschland war längst zu seiner Heimat geworden: Mit neun Jahren war er 1973 aus Griechenland nach München gekommen. Hier machte er Abitur und eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Lange Jahre arbeitete er bei der Bahn, bevor er sich selbstständig machte. Neben dem Laden hatte er seine Wohnung, in der er nach der Scheidung allein lebte. Ganz in der Nähe lebten die Mutter und viele andere Griechen, Boulgarides war ein beliebter Mann.