Man fragt sich, ob Beate Zschäpe für diese Momente trainiert hat. Ob sie einstudiert hat, wie sie mit einem eingefrorenen Gesicht maskieren kann, was ihr in solchen Momenten durch den Kopf schießt: Auf der Leinwand erscheint erst sie selbst, dann sind Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu sehen, Lebenspartner und Gesinnungsgenossen für mehr als ein Jahrzehnt. Es ist ein Fahndungsaufruf aus dem Fernsehen. Zschäpe hat ihre Brille aufgesetzt, sie schaut nicht weg. Die Arme hat sie vor der Brust verschränkt, ihr Körper wirkt so steif, als wäre er an den Stuhl gezurrt.

Das Gericht führt einen Beitrag aus der MDR-Sendung Kripo Live vor, einer Art regionale Variante von Aktenzeichen XY. Zu sehen ist ein roter Koffer mit aufgemaltem Hakenkreuz, später dann Splitter einer Rohrbombe. Die Sendung lief im Februar 1998. Die von Polizeiermittlern sichergestellten Asservate haben eine große Symbolik: Sie stehen für die Anfänge des Nationalsozialistischen Untergrunds.

Es war die Zeit, in der drei rechtsgerichtete Bombenbastler an der Schwelle zum Terrorismus standen. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt stellten den Koffer, in dem sich Sprengstoff befand, vor einem Theater in Jena ab. Kurz darauf hoben Polizisten ihre Bombenwerkstatt in Zschäpes Garage auf, sie flüchteten in letzter Minute. Aus dem Untergrund heraus verübten sie laut Anklage zehn Morde.

Holger G. will von Terrorismus nichts gewusst haben

Mit dem 33. Verhandlungstag endet die einmonatige Sommerpause des NSU-Prozesses. Beinahe wirkt es, als hätte der 6. Strafsenat am Münchner Oberlandesgericht die Zeit genutzt, den Prozess neu zu ordnen. Immer wieder war zuletzt die Klage über den chaotischen Verhandlungsablauf aufgekommen – der Senat sprang von einem Mord zum anderen, ohne bislang einen der Komplexe abgeschlossen zu haben. Nun also blickt das Gericht auf den Zeitpunkt, als sich die mutmaßliche Terrorzelle endgültig radikalisierte und sich mit aller Sorgfalt vor den Ermittlern versteckte. Von dort hätte die Beweisaufnahme chronologisch ablaufen können. Doch dass die Aufklärung nun endlich in geordneten Bahnen läuft, bleibt offenbar ein Wunsch.

Dafür ist die heutige Verhandlung bestes Beispiel: Zu Beginn sagt ein BKA-Ermittler aus, der 2011 den Mitangeklagten Holger G. vernommen hatte, es folgen Kripo Live und schließlich die Überwachungsbänder der Kameras, die mutmaßlich Mundlos und Böhnhardt vor dem Nagelbomben-Anschlag in Köln 2004 gefilmt hatten. Eingeführt werden auch Videoaufnahmen des brennenden Hauses in Zwickau, in dem das Trio bis 2011 gewohnt hatte sowie Mitschnitte von Notrufen bei der Feuerwehr. Am Schluss sagt eine Zeugin aus, die vor dem Mord an dem Nürnberger Ismail Yaşar 2005 am Tatort vorbeifuhr.

Zumindest der Fall Holger G. kommt zum Abschluss. Kriminaloberkommissar Martin G. ist der letzte Ermittler, der zu einer Vernehmung von Holger G. befragt wird. Der Angeklagte ist beschuldigt, das mutmaßliche Terrortrio in drei Fällen mit Pässen und anderen Dokumenten unterstützt zu haben. Auch soll er im Auftrag des ebenfalls Angeklagten Ralf Wohlleben eine Pistole an Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geliefert haben. Zu Beginn des Prozesses hatte G. eine Erklärung verlesen, in der er die Taten einräumte – von einer terroristischen Gesinnung der drei will er jedoch nichts gewusst haben.