Auf mehr als 600 Zeugen stützt sich die Anklage im NSU-Verfahren. Doch wie verlässlich ist deren Gedächtnis? Die Zeugin, die Beate Zschäpe und ihre Komplizen kurz vor oder nach einem Mord in Dortmund gesehen haben will, könnte schlicht Gesichter verwechselt haben, wie Angaben ihrer Nachbarn nahelegen. Es ist nicht die erste unsichere Aussage im Prozess.

Der Kieler Psychologieprofessor Günter Köhnken hat in 30 Jahren Hunderte von Zeugen auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft – dazu gehört auch die Frau, die den Wettermoderator Jörg Kachelmann wegen einer angeblichen Vergewaltigung angezeigt hatte. Im Interview erklärt der 64-Jährige, wie das Gehirn zum Regisseur der Erinnerung wird – und warum eine falsche Frage die ganze Aussage verändern kann.

ZEIT ONLINE: Professor Köhnken, die Zeugin im Dortmunder Mordfall will Beate Zschäpe 2011 nach mehr als fünf Jahren wiedererkannt haben, vielleicht hat sie sich aber auch vertan. Anderes Beispiel: Eine Frau aus München sagte den Ermittlern, sie habe vor dem Mord an Habil Kılıç 2001 zwei türkischstämmige Männer gesehen. Vier Jahre später erinnerte sie sich an Westeuropäer, vor Gericht schließlich an Osteuropäer – kann man solchen Aussagen trauen?

Günter Köhnken: Das kann man pauschal nicht beantworten. Das Gericht muss in so einem Fall nachhaken, an welchen Details die Zeugin festmacht, dass sie genau die gesuchte Person gesehen hat. Oder woraus sie auf die Herkunft eines Menschen schließt – hat sie schwarze Haare oder einen Bart gesehen? Wenn dort starke Abweichungen auftreten, kann man die Aussage in Zweifel ziehen.

ZEIT ONLINE: Wie kann es sein, dass Angaben immer wieder unterschiedlich ausfallen?

Köhnken: Es kommt zum Beispiel darauf an, wie die Zeugin befragt wurde. Antworten werden immer abhängig von der Frage gegeben. Es kann auch sein, dass in einer Frage Informationen erwähnt werden, die nicht mit den ursprünglichen Wahrnehmungen übereinstimmen. Dann kann sich eine andere Version im Gedächtnis festsetzen. 

ZEIT ONLINE: Was geschieht da im Gehirn?

Köhnken: Unser Langzeitgedächtnis können wir uns vorstellen wie eine Festplatte, auf der die Erinnerung gespeichert ist. Diese Erinnerung kann aber verändert werden: etwa, wenn wir in einer Konversation neue Informationen aufnehmen, aus der Zeitung oder auch in einer Vernehmung. Im Gedächtnis wird das Ereignis umgeschrieben und wieder gespeichert. Nur steht dann kein Schild dran, auf dem steht, was wir ursprünglich wahrgenommen haben und was später hinzugekommen ist. Oder: Durch die neuen Informationen wird ein zusätzlicher Gedächtniseintrag angelegt, der später irrtümlich als die Originalerinnerung wahrgenommen wird.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie als Gutachter damit um?

Köhnken: Als Gutachter identifiziere ich Risikofaktoren, die die Zuverlässigkeit einer Aussage beeinflussen können und nehme dann eine Risikoeinschätzung vor. Dann überprüfe ich, ob und welche Risikofaktoren vorgelegen haben und wie sie sich auf die Zuverlässigkeit der Aussage ausgewirkt haben können. Eine Einschätzung nach dem Motto "Diese Aussage ist mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit falsch" kann ich nicht treffen.