Veronika von A. ist das, was man eine neugierige Nachbarin nennen kann. Neben dem Gaubenfenster im Dachgeschoss ihres Dortmunder Hauses stand ein Fernglas. Damit habe sie gerne mal "in die Bäume" geschaut, manchmal aber auch die Kneipe gegenüber beobachtet, wie sie erzählt. An einem Nachmittag im April 2006 blickte sie aus ihrem Fenster auf das Nachbargrundstück. Und was sie dort sah, fand sie so beunruhigend, dass sie wieder zum Fernglas greifen musste, um alles genau beobachten zu können.

A.s Beobachtung ist Gegenstand der bislang längsten und bizarrsten Zeugenvernehmung im NSU-Prozess. Die heute 63-jährige Journalistin will im Nachbargarten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gesehen haben, zusammen mit dem Bewohner des Grundstücks, den sie als Skinhead beschreibt. Und das kurz vor oder nach dem Mord an Mehmet Kubasik, der am 4. April 2006 in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt starb, sieben Kilometer von A.s damaliger Wohnung entfernt.

Am 31. März 2006 habe ein "wichtiges familiäres Ereignis" stattgefunden, erinnert sich A. Daher leitet sie die Erinnerung ab, dass ihr Blick aus dem Dachfenster kurz darauf stattfand. Ein Blick, bei dem die Zeugin erschreckt "zurückgeprallt" sei: Zwei Männer und eine Frau hätten im Garten nebeneinander gestanden, ganz in schwarz gekleidet und militärisch aufgereiht. Daneben ein Mann mit Glatze und Tarnfleck-Hose, nach A.s Lesart der Skinhead. "Wie ein Feldherr" habe er über das Grundstück gezeigt, die anderen hätten zugeschaut. "Auf mich hat das wie eine Theaterszene gewirkt", erzählt A.

Schließlich öffnete sie das Fenster, die Frau schaute hoch zu ihr, sie hatten Blickkontakt. Dann habe die Frau die anderen angesprochen, alle hätten zu A. hoch gesehen und seien dann über eine Treppe abmarschiert. Drei bis vier Minuten habe die ganze Szene gedauert.

Später, im November 2011, flog der NSU auf. Überall schwirrten die Fotos von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt herum. "Da habe ich zu meinem Mann gesagt: Das sind die, die ich auf dem Grundstück gesehen habe", sagt A. Auch heute noch ist sie sich ganz sicher. Sie fühlt sich sogar so selbstbewusst, dass sie die Hauptangeklagte direkt anspricht: "Also, wenn Sie nicht ein perfektes Double haben, Frau Zschäpe, würde ich sagen, dass ich das so wiederholen kann."

Als sie zu ihrer Erkenntnis kam, erinnerte sie sich auch an die anderen merkwürdigen Begebenheiten in der Nachbarschaft: Zwischen 2004 und 2006 hätten häufig Wohnmobile dort gestanden, ebenso kurz vor der Beobachtung im Garten. Und dann waren da noch die Aktivitäten ihres Nachbarn im Jahr 2005: Der habe in der Nacht Löcher gegraben, eine Rutsche und eine Schaukel aufgestellt. Als er einmal sah, wie sie zuschaute, habe er sich in bedrohlicher Pose aufgestellt.

Die Aussage könnte ein wichtiger Baustein der Anklage werden – lässt sich damit nämlich ein räumlicher und zeitlicher Bezug zwischen Zschäpe und der Tat herstellen, wäre dies ein Indiz für die Mittäterschaft an dem Mord, die die Bundesanwaltschaft der Hauptangeklagten vorwirft. Wären da nicht all diese Zweifel an den Angaben.

A. meldete ihre Beobachtung nicht nach den ersten Fernsehberichten, sondern erst im Juni 2013. Und sie wandte sich auch nicht an die Polizei, sondern an die Hamburger Anwaltskanzlei, die die Hinterbliebenen des in Kassel ermordeten Halit Yozgat in der Nebenklage vertritt.