Auf einmal fühlt sich der NSU-Prozess wieder an wie am Anfang. Ein bekannter Satz von Richter Manfred Götzl: "Die Angeklagte Zschäpe hat ein Ablehnungsgesuch gegen alle Mitglieder des sechsten Strafsenats gestellt." Mit einem Befangenheitsantrag gegen Götzl hatte der erste Verhandlungstag im Mai begonnen und die Sitzungsplanung um eine Woche in Verzug gebracht. Unvermittelt scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Eine Überraschung am 35. Sitzungstag, denn Prozessbeteiligte und -beobachter haben sich mittlerweile an ein zügiges Tempo gewöhnt. Auch dieser Tag ist juristisch effizient geplant: Der Strafsenat will eine Reihe von Zeugen zum Mord an dem Dönerverkäufer Mehmet Turgut in Rostock befragen. Der gebürtige Türke war am 25. Februar 2004 in dem Imbiss erschossen worden, in dem er als Aushilfe arbeitete. Turguts Brüder Mustafa und Yunus sind zur Verhandlung angereist, weil sich das Gericht zum ersten Mal ausführlich dem Rostocker Fall widmen will.

Stattdessen folgt Gezerre: Zschäpe-Anwalt Wolfgang Stahl bleibt "in Übereinstimmung" mit seinen Kollegen Wolfgang Heer und Anja Sturm für die ganze Woche dem Prozess fern, stellt Götzl zu Beginn fest. Das Gericht taucht tief in die Verwaltungsvorschriften ab. Weil sich der Befangenheitsantrag gegen jeden der fünf Richter wendet, müssen drei Richter aus dem siebten Strafsenat des Oberlandesgerichts über das Gesuch entscheiden. Dafür sind laut Strafprozessordnung zwei Tage Zeit. Es ist einer der Momente, in denen die Verhandlung fahrig wirkt. Eine kleine Panne, die jedoch zum Gesamtbild des unorganisierten Prozesses beiträgt: Den Antrag hatten Zschäpes Verteidiger am vorigen Nachmittag ans Gericht geschickt, doch hat ihn noch niemand für die Prozessbeteiligten kopiert.

Richter Götzl kann entscheiden, ob er die Verhandlung bis zur Entscheidung des anderen Senats fortsetzt oder eine Pause verordnet. Bis er am Ende des Tages seinen Beschluss fasst, ist bereits eine Sitzung im Leerlauf verstrichen: Götzl unterbricht die Verhandlung für mehr als zwei Stunden, bis 13 Uhr, damit alle Prozessbeteiligten eine Kopie bekommen können. Zschäpes Verteidiger kündigen einen zweiten Ablehnungsantrag an, Götzl ordnet eine Pause bis 16 Uhr an. Und noch eine und noch eine. Lange bevor der eigentliche Antrag verlesen ist, sind die Details durchgesickert: Es geht ums Geld, zumindest vordergründig.

Auslöser war ein Antrag, mit dem Wolfgang Stahl vom Gericht das Gehalt für das etwa einjährige Ermittlungsverfahren forderte – 77.000 Euro hielt er für angemessen, dafür hatte er 770 Stunden Arbeit zugrunde gelegt. Stattdessen entschied das Gericht am 9. September, Stahl solle 5.000 Euro für seine Dienste erhalten. Verantwortlich für den Beschluss war der Richter Konstantin Kuchenbauer. Auf der Richterbank sitzt er links neben Manfred Götzl, erstmals gerät er in den Fokus des Prozesses.

Auf Kuchenbauers Bescheid bauen die Ablehnungsgesuche auf. Das erste reibt sich an zwei Textpassagen, in denen der Richter unter anderem davon spricht, "dass die Strafsache mit 596 Stehordnern (…) im Hinblick auf den Tatnachweis äußerst schwierig ist". Eine unglückliche, ja ungeschickte Formulierung – und Angriffspunkt der Verteidiger, die Kuchenbauer nun vorwerfen, er betrachte Zschäpe bereits als schuldig. Der erfahrene Jurist hätte wohl besser schlicht vom Ausmaß des Verfahrens oder vom Umfang des Vorwurfs gesprochen.

Am Nachmittag schiebt das Verteidigerteam den zweiten Befangenheitsantrag gegen die fünf Richter nach – wieder geht es um Kuchenbauer, der angegeben habe, er allein habe über das Honorar für Stahl entschieden. In einem Telefonat im August habe er sich nämlich anders geäußert, legen die Anwälte dar: Demnach habe er den Antrag im Kreis seiner Senatskollegen besprochen. Alle anderen hätten im Anschluss erklärt, sie hätten nicht an der Entscheidung mitgewirkt. "Ein Richter, der eine unwahre dienstliche Äußerung abgibt, ist nicht neutral", schließt Anja Sturm den Antrag, während der gescholtene Richter die Arme verschränkt.