Wie war er genau, der Zeitgeist der sechziger und siebziger Jahre, in dem von manchen auch die Straffreiheit für Sex mit Kindern gefordert wurde? Unsere Protagonistin kann viel darüber erzählen. Als sie Ende der sechziger Jahre studierte, gab es die Pille nur für verheiratete Frauen. Homosexuelle galten als Gefahr. Die Zeitzeugin, die der Redaktion bekannt ist, aber anonym bleiben will, hat eine Kommune gegründet, gegen Tabus gekämpft und sexuell frei gelebt.  Sie erzählt, wie wichtig und gleichzeitig wie verwirrend und desorientiert dieser Aufbruch war. Und wie er auch Nährboden für falsche Forderungen sein konnte. Ein Protokoll.

Die 1960er Jahre in der Kleinstadt, die haben wir als Jugendliche als bleiern empfunden. Manchmal bin ich nachts aus dem Haus geschlichen und durch die Gärten der Nachbarn gelaufen. Vielleicht würde ich ja einem Kinderräuber oder Dieb begegnen? Spannung gab es nämlich sonst nur bei Enid Blyton. Ich habe sogar eine Freundin beneidet, die an Gespenster glaubte. Wir fühlten uns damals, als würden wir ersticken.

Dann, auf einer Bahnfahrt zu einem Skiurlaub, habe ich von einer Mitreisenden Erziehung in Summerhill von A.S. Neill in die Hand gedrückt bekommen. Ich hatte das Buch in einem Rutsch ausgelesen. Meine Erziehung, mein katholischer Glaube, mein enges Leben – alles habe ich danach infrage gestellt. Meine Freunde und ich beschlossen, uns zu befreien, auch sexuell. Seither haben wir eigentlich ständig darüber diskutiert, was frei ist und was uns oder andere einschränkt. Wir waren auf der Suche.

Ich bin absolut antisexuell erzogen worden. Als mein Vater mich und einen Nachbarsjungen einmal beim Doktorspielen im Garten beobachtete, durfte der Junge uns nie wieder besuchen. Als ich meine Mutter fragte, was "die Tage haben" bedeutet, hat sie mir ein Päckchen mit Binden in die Hand gedrückt. Das sollte ich aufmachen, wenn ich Blut in der Unterhose finde. Das wars. Ich orientierte mich an einer Tante, die sich von einer glühenden Nazi-Anhängerin zur strengen Katholikin gewandelt hatte.

Ein nackter Mann in der Wanne

Aber plötzlich gab es die wilden Beatles und die Stones, in der Schule einen Jungen, der einen roten Pullover trug, und einen, der im Wäldchen Lieder auf der Gitarre spielte. Wir kannten bis dahin nur Schlager und klassische Musik. Das Lied "Why Don't We Do It In the Road" von den Beatles hatte es uns besonders angetan. Wir diskutierten: Warum nicht? Auch Sex auf der Straße könnte ja befreiend sein.

Ende der Sechziger begann mein Studium, ich war also mittendrin in der Studentenbewegung. Mein Freund und späterer Mann, sein Diskutierkreis und ich (neu dabei seit meiner Bekehrung zum antiautoritären Dasein) beschlossen, eine Kommune zu gründen. Wir fanden eine Wohnung für sechs Leute. Alles war wunderbar, nur musste man, um auf die Toilette zu kommen, durch das Badezimmer gehen. Was also, wenn gerade jemand nackt in der Wanne lag? Ich weiß noch, wie eine Freundin sehr stolz erzählte, dass sie sich mit einem Mann sogar unterhalten hatte, als der gerade duschte.

Das war wirklich befreiend. Aber auch sehr verkopft und ideologisch aufgeladen. Einer gehörte zu unserer Kommune, der etwas älter war als wir und uns politisch aufgemischt hat. Durch ihn sind wir in verschiedene K-Gruppen eingetreten. Er war sexuell übergriffig. Aber wenn mir mulmig war, habe ich nicht einfach auf mein Gefühl gehört, sondern mich erst gefragt: Bin ich zu prüde, zu verklemmt?