Rio muss sich für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr noch ein bisschen rausputzen, und deshalb stand kürzlich ein 62-jähriger Herr mit langem grauen Resthaar vor einem Gulli in der Rua Rainha Guilhermina und blickte besorgt in die Tiefen. Der Mann heißt Carlos Minc, er ist der Umweltminister von Rio de Janeiro. Er saß auch schon als Umweltminister in der Regierung des Präsidenten Lula da Silva und er hat die Grüne Partei Brasiliens mitgegründet.

Der eigentliche Held des Augenblicks aber ist soeben an einem 120 Meter langen Kabel in der Kanalisation versenkt worden. Der Robo-Espião, auf Deutsch Roboterspion, ist Mincs neueste Geheimwaffe zur Aufwertung der Strände. Er wiegt 30 Kilo, ist 50 Zentimeter lang und sieht wie ein zu groß geratenes Carrera-Auto aus. Aber er hat eine Kamera an Bord und kann damit illegale Abflussrohre aufspüren. So etwas gibt es nämlich in Rio: illegale Abflussrohre. Sie seien nicht gut für den Strand, behauptet Minc.

Diesmal zum Beispiel entdeckte der Roboterspion bei seiner Tour durch das Kanalnetz die Ableitung des vornehmen Bellagio-Gebäudes, mitten im Residenz- und Badestadtteil Leblon. Das Rohr aus dem Bellagio führt offenbar völlig ungeklärt in einen offenen Kanal namens "Garten von Allah", der quer durch den Stadtteil verläuft und auf seinem letzten Stück durch den Sandstrand im Badewasser vor Leblon mündet. Der "Garten von Allah"-Kanal hat schon lange, das muss man sagen, einen zweifelhaften Ruf wegen seines Fäkaliengestanks.

Die Bewohner finden die Kanalüberwachung ungerecht

"Die Bewohner des Gebäudes hatten wohl nicht die geringste Ahnung, dass sie beim Strandbesuch zwischen Kotstücken schwimmen!", erklärte triumphierend der Umweltminister, was alle ein wenig unappetitlich fanden. Es war auch nicht ganz klar, was die Bewohner sonst gedacht haben sollen. Die Behörde verhängte ein Bußgeld von umgerechnet 32.000 Euro gegen das Bellagio-Gebäude, und ein Ingenieur vom Kanalfachwesen erklärte anschließend der Tageszeitung O Globo, dass man vom Hautkontakt mit Fäkalien kein Typhus bekomme, sondern nur dann, "wenn man sieben Liter versuchtes Wasser trinkt". In dieser Richtung wurde dann nicht mehr weiter diskutiert.

Sehr wohl aber spricht man in Leblon und im benachbarten Stadtteil Ipanema, wo der Roboterspion als nächstes erwartet wird, über die Ungerechtigkeit dieser neuen Form der Kanalüberwachung. Es sei ja kein Geheimnis, dass der größte Dreck von woanders herkomme: von oben. Von den Hügeln, den morros, auf denen die improvisierten Häuser und Hütten der Slumbewohner stehen, dicht an dicht, überbelegt und ohne überzeugenden Anschluss an Kanäle und Kläranlagen.

Bei jedem Regen, das ist in der Nachbarschaft zu erfahren, werde der ganze Schmutz von den Hügeln gewaschen und ins Meer gespült.