Im Nachhinein liest es sich wie die reine Ironie. Im Mai, also im Vorwahlkampf, konnte sich Angela Merkel dem Kardinal-Höffner-Kreis nicht entziehen, dem Sammelbecken katholischer Bundestagsabgeordneter. Der Kreis wurde 20 Jahre alt. Angela Merkel redete über den Silberbergbau, den Kahlschlag der Wälder und die Entdeckung der Nachhaltigkeit vor drei Jahrhunderten. Zum Schluss wünschte sie der Gruppe weitere 20 Jahre. Dabei hatte sie am Anfang gesagt, 20 Jahre seien auf den ersten Blick ein überschaubarer Zeitraum. Wollte sie andeuten, das Gremium könne sich allmählich auflösen? Der Einfluss des Höffner-Kreises auf die Union bewegt sich unterhalb der Wahrnehmung.

Warum ist sie hingegangen? Zu den erfolgreichsten Projekten der Pastorentochter aus den Uckermark gehört die Entkatholisierung der früher in der Wolle geschwärzten CDU. Sie hat erkannt, dass gerade das Katholische mit seiner Kirchenbindung mehr Wähler abschreckt als gewinnt. Dagegen hat Merkel das protestantische Prinzip in der Union etabliert: Am Anfang stehen mehrere Überzeugungen, am Ende die Mehrheit und dazwischen der Kompromiss. Kirche findet davor und danach statt – wenn man hingeht. Aber sie redet den Politikern nicht in die Entscheidungen hinein. Bei der katholischen Kirche dagegen wird man den Eindruck nicht los, dass sich die Mehrheit am Ende der Wahrheit fügen soll. Oder dem, was ein Bischof dafür hält.

Merkels Wahlsieg hat gezeigt, wie richtig sie mit der Entkatholisierung lag. Der konfessionelle Einfluss auf Wahlen nimmt ab, sagen die Meinungsforscher. Aber er bleibt wichtig. Zugleich, so heißt es beim Allensbach-Institut, bringen Wähler die Union nach wie vor mit christlichen Werten in Verbindung. So vollbringt Angela Merkel das Kunststück, überproportional Wähler zu binden, die nach Werten fragen, und sich zugleich von der katholischen Kirche zu entfernen. 52 Prozent der Katholiken in den alten und 44 in den neuen Bundesländern wählten trotzdem die protestantischere Union, sagen die Wahlforscher von Infratest dimap.

Angela Merkel hat das früher für die Union wichtige katholische Milieu beiseite geschoben. Und das Milieu hat es ihr leicht gemacht. Natürlich redete Merkel vor dem Höffner-Kreis auch über die Energiewende, die europäische Krise und vor allem über die Familie. Und über die digitale Revolution. "Wer kann sich heute noch eine Welt ohne Internet vorstellen?", fragte sie den Zirkel, der nicht einmal eine Homepage besitzt. Genauer gesagt sprach sie gar nicht wirklich über alle diese Themen. Sie hat bloß Stichworte fallen lassen, von denen sie sicher sein konnte, dass sie unter den Hörern freundliche Reflexe auslösten. Sie zitierte den Begriff vom christlichen Menschenbild und den Artikel eins des Grundgesetzes. Und sprach von Orientierung. Weniger allerdings von der, die sie selber hat und gibt. Sondern davon, dass der Höffner-Kreis dafür stehe. Das hörten die Feiernden gern.

Kritik an der Kanzlerin hatten andere vorgebracht. Etwa ein "Arbeitskreis engagierter Katholiken". Der kam nie auf einen grünen Zweig. Sein Vorsitzender trat am Tag vor der Wahl entnervt aus der Union aus. Vor zwei Jahren noch beschwor Erwin Teufel, der frühere baden-württembergische Landesvater, die Frustration der Parteibasis über Profillosigkeit und die Erosion des Markenkerns. Ihm sprangen Philipp Mißfelder bei, der Vorsitzende der Jungen Union, und der Fraktionsvize Wolfgang Bosbach. Aber als ob Bosbach von der Kanzlerin instruiert sei: Am Ende warnte er vor den Folgen einer Diskussion um das eigene Profil. Bosbach gehört neben Norbert Lammert zu den wenigen prominenten Unionskatholiken, die Merkel in ihrer Nähe duldet.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der "Christ & Welt"

Und die katholische Kirche hat der Kanzlerin einen Ball nach dem anderen zugespielt, weil sie ihre eigene Krise auf Kosten der Politik bewältigen wollte. Sie hat ihren Politikern Vorschriften gemacht. Sie hat ihnen den Kompromiss erschwert und damit die politische Kunst selber unter Verdacht gestellt. Und nicht beachtet, wie unattraktiv sie damit eine Karriere katholischer Politiker macht. Papst Benedikt predigte die Entweltlichung. Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner hat der CDU das C streitig gemacht – und damit seine Kirche um politischen Einfluss gebracht.

Merkel umgibt sich lieber mit Protestanten. An sie delegiert sie Haltungen, ähnlich wie beim Höffner-Kreis: Thomas de Maizière, der Kirchentagspräside, besetzt das Thema Krieg und Frieden, Volker Kauder und Hermann Gröhe, die Evangelikalen, die Menschenrechte, Ursula von der Leyen, die Volkskirchlerin, Familie und Soziales. Das funktioniert bei Christen und Nichtchristen, im Westen wie im Osten, der auf Kirchen noch distanzierter reagiert. Bei Protestanten lassen sich Haltung und Glaube leichter unterscheiden. Und man hält sie für kompromissfähiger. Hinter jedem katholischen Politiker sehen kritische Wähler die Kuppel des Petersdoms dräuen. Protestanten kommt kein Bischof störend in die Quere. Volker Kauder hat mit Vorträgen über seine Besuche bei verfolgten Christen eine Tournee durch evangelikale Gemeinden und Kongresse absolviert, die nicht einmal in den Verdacht des Wahlkampfs kam und pure Glaubwürdigkeit verbreitete.

Mit der Durchsetzung des protestantischen Prinzips hat Merkel nicht nur den katholischen Einfluss zurückgedrängt, ohne katholische Stimmen zu verlieren. Ihr ist sogar der Einbruch in Wählerschaften von SPD und Grünen gelungen. Sie hat die alte Einsicht beherzigt, dass die SPD nicht gewinnen kann, wenn sie nicht die absolute Mehrheit unter Protestanten erringt. Über Jahre hin hat Merkel dezent um evangelische Wähler geworben, indem sie – bei der Energiewende, in der Sozialpolitik, beim Mindestlohn – klassische SPD-Positionen besetzte.
Das hat sich ausgezahlt. Zwar hat auch die SPD bei evangelischen Wählern wieder leicht zugelegt. Im Westen gewann sie 31, im Osten 18 Prozent der Protestanten (ihr Gesamtergebnis: 25,4 Prozent). Doch die Union wuchs gegenüber 2009 von 31 auf 40 Prozent bei Protestanten im Westen und sogar auf 48 im Osten (Gesamtergebnis: 41,5 Prozent).

Die Kanzlerin ist also nicht nach links gerückt und nicht grün geworden. Sie ist konsequent evangelisch geblieben.