Sonst feuert ihn Franziskus – Seite 1

Rücktritt oder Amtsenthebung? Der Fall des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst scheint mittlerweile so klar, dass es kaum noch darum geht, ob er sein Amt verliert, sondern nur noch um das Wann und Wie. Seine überteuerte Residenz hat große Empörung ausgelöst, seine Amtsführung gilt als selbstherrlich und autokratisch. Mit den Gläubigen habe er nur bei offiziellen Anlässen Kontakt, sagen Kritiker. Und die Lebensführung des Bischofs gilt als unangemessen luxuriös. Nach einem First-Class-Flug zu den Ärmsten in Indien ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen uneidlicher Falschaussage.

Dass ein hoher Geistlicher derart vernichtende Kritik auch aus den eigenen Reihen erfahren muss, ist einmalig: Tebartz-van Elst sei "entweder ein raffinierter Betrüger oder krank", urteilte zuletzt der Sprecher des bischöflichen Vermögensverwaltungsrats Jochen Riebel und bezichtigte Tebart-van Elst sogar der Lüge. Der sei hauptverantwortlich dafür, dass die zunächst auf zwei bis drei Millionen Euro geschätzten Kosten für den Umbau der Residenz durch eine Vielzahl von Zusatzwünschen auf über 30 Millionen in die Höhe getrieben wurden. Riebels Gremium war 2010 von Tebartz-van Elst selbst installiert worden, um die Finanzen der Diözese zu überwachen.

Von Rechtsbrüchen spricht der Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller. Anstatt das Kirchenvermögen ordentlich zu verwalten, habe ein "autokratischer Bischof zusammen mit seinem Generalvikar alle Kontrollmechanismen systematisch ausgeschaltet". Tebartz-van Elst sei ein "unfähiger, uneinsichtiger und offensichtlich kranker" Mann.

"Ich persönlich wüsste, was ich zu tun habe", forderte der Sprecher des Limburger Priesterrats, Reinhold Kalteier, indirekt den Rücktritt seines Oberhirten. Er beklagt, dass unter Tebartz-van Elsts Ägide, der sein Amt unter dem Motto "Sparen und erneuern" angetreten hatte, Gemeinden zwangsfusioniert und Kirchen sowie Begegnungsstätten geschlossen wurden.

"Limburg 21"

Tebartz sei offenbar nicht in der Lage, den Kurs der Bescheidenheit und des Dialogs von Papst Franziskus einzuschlagen, wertet die katholische Laien-Organisation Wir sind Kirche die Vorgänge. Vorstand Christian Weisner beklagt, der Bischof habe durch seine Misswirtschaft der Kirche in ganz Deutschland großen Schaden zugefügt. Deshalb sei es kein Wunder, wenn nun Hohn und Spott über die Gläubigen niedergehe und das Limburger Diözesane Zentrum St. Nikolaus, wie es offiziell heißt, als "Limburg 21" oder "Limburger Philharmonie" tituliert werde.

Umstritten ist der Limburger Bischof nicht erst seit den jüngsten Vorfällen. Bereits kurz nach seiner Amtseinführung 2007 kritisierten Kirchenangehörige "selbstverliebte Rituale", "leere Worthülsen" und den "klerikalen Dünkel" des Bischofs. 2012 schrieben 21 Priester, der Amtsstil des Bischofs sei von Misstrauen, Rückzug und Abschottung geprägt.

Die Katholiken im Bistum trauern Tebartzs Vorgänger Franz Kamphaus nach. Wie sein Nachfolger stammt auch Kamphaus aus einer bäuerlichen Familie, doch könnten die Unterschiede zwischen den beiden Seelsorgern kaum größer sein. Kamphaus galt als bescheidener Mann und ähnelt damit dem neuen Papst Franziskus. Er verzichtete auf den bischöflichen Wohnsitz, brachte dort zeitweilig eine Flüchtlingsfamilie aus Eritrea unter und zog selbst in ein Apartment im Limburger Priesterseminar. "Mach’s wie Gott: werde Mensch!", lautete Kamphaus' Wahlspruch. 

Ganz anders Franz-Peter Tebartz-van Elst. Der Spross einer Großbauern-Dynastie am Niederrhein wird als erzkonservativ eingeschätzt und galt lange als Hoffnung seiner Brüder im Geiste für den Vorsitz der deutschen Bischofskonferenz. Stark machte sich für ihn neben seinem Ziehvater Kardinal Meisner auch der frühere Regensburger Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, inzwischen Präfekt der mächtigen Glaubenskongregation in Rom.

Beide Unterstützer verurteilten die Vorwürfe gegen Tebartz-van Elst jetzt als gezielte Medienkampagne und Verschwörung. Müller sprach von einem "Lügengebäude", um missliebige Bischöfe zu "eliminieren". Meisner wetterte gar gegen seinen – ebenfalls konservativen – Amtskollegen Reinhard Marx, als jener Tebartz zur Wahrhaftigkeit aufforderte.

Die Unterstützer gehen in Deckung

Derweil wurden immer neue Details über die Prunksucht des Limburger Oberhirten bekannt. So soll nach Recherchen der Frankfurter Neuen Presse allein die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung des Bischofs knapp drei Millionen Euro gekostet haben. Sie war zunächst nur mit 200.000 Euro veranschlagt worden. Teuer wurde vor allem der Bau einer zweiten Ebene, die eigens in den Felsen des Dombergs gefräst werden musste. Für Schreinerarbeiten fielen außerdem 350.000 Euro an. Allein eine freistehende Wanne im Bad habe 15.000 Euro gekostet.

All dies sei den Finanzkontrolleuren vorenthalten worden, sagte dazu Verwaltungsratssprecher Riebel. Obwohl er mehrfach dazu aufgefordert worden sei, habe Tebartz-van Elst weder Haushalte noch Einzelprojekte zur Genehmigung vorgelegt. Riebel räumte aber gleichzeitig ein, dass ständige Änderungswünsche des Bischofs zu "ganz erheblichen Mehrkosten geführt" hätten, das Gremium also doch über dessen Gebaren informiert war. Riebel, ehemals Leiter der hessischen Staatskanzlei, bezifferte den Quadratmeterpreis für den Bau auf 10.000 Euro. Dies entspreche den Kosten für einen voll ausgestatteten modernen Operationssaal.

Der Vermögensverwaltungsrat wollte sich eigentlich am Montag zum Sachverhalt äußern. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung untersagte Bischof Tebartz-van Elst jedoch die Veröffentlichung einer Erklärung.

"Kollegiale Solidarität"

Derweil nahm Bistumssprecher Martin Wind Tebartz-van Elst in Schutz. Der habe selbst erst in dieser Woche von den erheblich gestiegenen Kosten erfahren. Verantwortlich seien "denkmalpflegerische und technische Gesichtspunkte" beim Bau. Das hessische Landesamt für Denkmalpflege bestritt dies allerdings auf Anfrage. Kirchen brauchten sich die Umgestaltung ihrer Baudenkmäler laut Gesetz nicht genehmigen zu lassen, teilte die Behörde mit.

Die bisherigen Unterstützer des Bischofs sind angesichts immer neuer Fakten in Deckung gegangen. Die Bischofskonferenz unter Leitung von Erzbischof Robert Zollitsch ließ über seinen Sprecher ausrichten, man habe eine Prüfungskommission eingerichtet. "Die nimmt jetzt ihre Arbeit auf – und dann muss man sehen", hieß es. Zollitsch hatte Tebartz-van Elst vor zwei Wochen noch seine "kollegiale Solidarität" versichert.

Nun aber deutet vieles darauf hin, dass der Bischof nicht mehr lange im Amt bleiben wird. Zurücktreten kann er nur mit Billigung des Papstes. Der kann ihn laut Kirchenrecht "nachdrücklich" bitten, seine Demission einzureichen, wenn er aus einem "schwerwiegenden Grund" nicht mehr in der Lage ist, seine Amtsgeschäfte zu führen. Falls der Limburger Oberhirte dem nicht folgt, droht ihm schlimmstenfalls die Absetzung. Nach Einschätzung des Theologen und Kirchenrechtlers Schüller wäre es sogar im ureigenen Interesse des Papstes, Tebartz-van Elst loszuwerden. Schließlich versucht Franziskus, der Kirche wieder Bescheidenheit beizubringen. Zuletzt sagte der Papst, wie sehr es ihn schmerze, einen Priester in einem Neuwagen zu sehen. Franziskus verzichtete unter anderem auf seine Dienstwohnung und ließ sich auch schon mal mit einem alten R4 mit 300.000 Kilometern auf dem Buckel chauffieren.

"Wer in der Kirche mit dem Geld der Gläubigen so verantwortungslos umgeht, der muss mit Sanktionen rechnen", sagt Kirchenrechtler Schüller. "So wurden unlängst in Slowenien Bischöfe zum Rücktritt gezwungen, die sich mit Finanzgeschäften verzockt hatten." Selbst wegen Verkehrsdelikten hätten Bischöfe schon zurücktreten müssen.

Bei Tebartz-van Elst geht es um viel mehr, um einen möglichen Strafbefehl wegen falscher eidesstattlicher Versicherung. 2012 war der Bischof erster Klasse zu einem Slum-Besuch nach Bangalore geflogen und hatte dies zunächst auf Nachfrage des Spiegel bestritten. Spätestens dann sei der Rücktritt unausweichlich, sagt Schüller. "Da geht es schließlich um den Kern des bischöflichen Auftrags: die Glaubwürdigkeit. Wer soll denn einem verurteilten Lügenbischof jemals noch etwas abnehmen?"