Am Tag, an dem ein paar Meter entfernt Ismail Yaşar stirbt, geht Andrea C. einkaufen. Mit ihrem knapp zweijährigen Sohn macht sie sich am 9. Juni 2005 auf den Weg zum Supermarkt in Nürnberg, kam vorbei an einem Spielplatz, auf dem zwei junge Männer mit Fahrrädern sitzen. Beim Bäcker im Edeka-Markt kauft sie eine Brezel. Da kommt eine Frau herein, die C. auffällt: Sie sieht aus wie die Schauspielerin Sara Gilbert, die in der US-Sitcom Roseanne die Tochter Darlene Conner spielte. C. hatte die Serie oft in ihrer Jugend gesehen. Jetzt steht sie hinter der Frau an der Kasse, vielleicht eine Minute lang. Sie sieht dunkles, lockiges Haar, das Gesicht – für C. ist die Ähnlichkeit bis heute frappierend.

Nun wird aus ihrer Erinnerung eine Zeugenaussage – am 48. Verhandlungstag ist die 35-Jährige zum NSU-Prozess in München geladen. Ismail Yaşar war das Opfer der NSU-Mordserie, laut Anklage von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit fünf Schüssen in seiner Dönerbude neben dem Spielplatz niedergestreckt. Und die Frau aus der Supermarktschlange, das vermeintliche Schauspieler-Double, es könnte Beate Zschäpe, die mutmaßliche Mittäterin und heutige Angeklagte gewesen sein.    

Monate nach dem Mord klingelten Polizisten an den Türen der Anwohner, bei C. kamen sie Ende September 2005 vorbei. Das Mutter-Kind-Haus, in dem sie damals lebte, liegt an der Straße gegenüber der Imbissbude. Von der Frau an der Kasse erzählte C. damals nichts, sie ahnte keinen Zusammenhang zum Mord. Aber von den zwei Männern auf dem Spielplatz berichtet sie, "wie Russen" hätten die ausgesehen. Auch mehrere andere Zeugen hatten die beiden gesehen, wahrscheinlich waren es Mundlos und Böhnhardt.

"Hübscher, gepflegter"

Mehr als sechs Jahre später, als der NSU aufgeflogen ist, flimmerten die Bilder von Beate Zschäpe auch über C.s Fernseher. Sie erkannte sie sofort wieder als das Sara-Gilbert-Double aus dem Supermarkt. Davon erzählte sie der Polizei bei einer neuen Vernehmung im April 2012. Heute ist ein Bild der Schauspielerin, im Holzfäller-Hemd und mit lockigem Haar, Teil der Prozessakten. Gilbert und Zschäpe sind fast gleichaltrig. Die Angeklagte schaut amüsiert, als das Foto auf die Leinwände im Gerichtssaal projiziert wird.

Auf einer Lichtbildvorlage kann C. Zschäpe problemlos identifizieren, sie kennt sie jetzt aus den Medien. "So sah sie natürlich nicht aus im Edeka. Da war sie hübscher, gepflegter", sagt sie. Sie habe die Frau im Supermarkt auf Anfang 20 geschätzt, sie sei keine "alte Schabracke" gewesen.

C.s Aussage ist deshalb so wichtig, weil die Ankläger bisher noch nicht nachweisen konnten, dass Zschäpe sich auch in der Nähe der Tatort aufgehalten hat. Das aber ist wichtig, um den Vorwurf der Mittäterschaft zu belegen.