Glauben Sie bloß nicht, dass Sie im Saftladen Big Bi einen Saft bekommen, bloß weil Sie einen bestellt haben. Da können Sie lange auf Ihrem Aluminiumstühlchen an der Copacabana sitzen und die appetitliche Auslage vollreifer Ananas, Mangos, Passionsfrüchte und Zimtäpfel bestaunen. Sie kommen zumindest bei Weitem nicht so schnell dran wie dieser laute Mann gleich hinter Ihnen, der Ihre Schulter als Stütze benutzt, nach frisch aufgetragener Kernseife riecht, strahlend dem Säfteverkäufer hinter der Theke zuwinkt und ihn jovial mit Amigão anredet, zu Deutsch: "Mein großer, großer Freund".

Der Mann – das merkt man sofort – beherrscht den Jeito Brasileiro. Den brasilianischen Way of Life, das unnachahmliche Nationaltalent, sich an Regeln und Gepflogenheiten mit überschwänglicher Herzlichkeit vorbeizumogeln, den eigenen Vorteil zu sichern und dabei doch stets aller Welt Freund zu sein. Er erhält die erwünschte Aufmerksamkeit und er bekommt seinen Saft, und zwar als Erster. Er schließt noch ein paar Freundschaften auf den Stühlchen nebenan. Er kommentiert die Nachrichtenlage und den Verkehr. Er schlägt auf Schultern und hinterlässt ein großzügiges Trinkgeld. Habt alle einen schönen Tag, meine großen, großen Freunde!

"Kann ich das auch lernen?" habe ich eine brasilianische Kollegin bei der Tageszeitung O Dia gefragt. "Geht das überhaupt? Als Deutscher? Als Zugezogener aus einem Land der Bahnhofsordnungen, Putzpläne, Bastelanleitungen und Verbotsschilder?" Sie hat mir die Telefonnummer eines Professors gegeben, von einer Eliteuni, der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro. Einen Deutschen den Jeito zu lehren – da müssen ganz offensichtlich die Speerspitzen der Wissenschaft ran.

Genau genommen hat die Kollegin mich an Valter Duarte Ferreira Filho verwiesen, einen renommierten und zugleich äußerst liebenswürdigen Soziologen, Politikwissenschaftler und außerdem Mediziner, Jahrgang 1949. Er willigt sofort in ein Treffen ein und empfängt mich am Sonntagnachmittag in seinem heimischen Arbeitszimmer. "Sie wollen etwas über den Jeito lernen?" fragt er interessiert, gar nicht spöttisch. "Wollen Sie eher darüber sprechen, wie wir Brasilianer das Arbeiten vermeiden oder darüber, wie wir die Gesetze austricksen?"

Überhaupt nicht, nichts dergleichen, Professor, ich will nur erfahren, ob ich ihn auch erlernen kann: den Jeito und seinen kleinen Bruder, den Jeitinho, den kurzen (und nur selten korrekten) Weg, der Alltagsprobleme aller Art verschwinden lässt.

"Der Jeitinho", sagt Ferreira Filho und holt zu einem kleinen Vortrag aus, "hat seine Wurzeln im alten Brasilien, noch vor den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es gab damals noch keinen regulären Arbeitsmarkt, es gab nicht mal eine ordentliche Berufsausbildung. Sie müssen sich das mal vorstellen: Die Leute schlugen sich mit vier oder fünf Jobs durchs Leben, als Kellner, Hühnerzüchter, Sardinenräucherer, Lastenträger. Aber vor allem mussten sie die Straße kennen, sie mussten geschickte Verhandlungsführer sein und ihre Beziehungen pflegen."