Carsten S. und Ralf Wohlleben hatten einmal viel gemeinsam. Um die Jahrtausendwende waren sie zwei junge Kerle aus Jena, die gegen Ausländer hetzten, randalierten und sich auch mal prügelten. Gemeinsam engagierten sie sich in der NPD und hielten dann unter höchster Geheimhaltung Kontakt zu den untergetauchten Kameraden Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Ein Jahrzehnt später sitzen sie gemeinsam auf der Anklagebank im NSU-Prozess.

Beiden wird vorgeworfen, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt die Pistole beschafft zu haben, mit der die Kameraden neun Migranten ermordet haben sollen – Wohlleben als Auftraggeber, S. als Kurier. Wohlleben schweigt zur Anklage, S. hat die Waffenübergabe gestanden. Heute sind sie Gegner.

Eine Konfrontation der beiden Parteien war bislang ausgeblieben. Nach seiner mehrtägigen Aussage zu Beginn des Prozesses hatte sich S. geweigert, Fragen, der Wohlleben-Anwälte Olaf Klemke und Nicole Schneiders zu beantworten. Nicht nur er selbst wolle sich "nackig machen", argumentierte S. Die Verteidiger des Mitangeklagten akzeptierten den Deal nicht. Auf Anraten seiner Anwälte entschied sich S. doch noch anders – und stellt sich am 45. Prozesstag den Fragen von Schneiders und Klemke.

Die Befragung geht fast nur um die Waffe

Die Befragung taucht tief hinein in die Zeit der Angeklagten in der rechten Szene von Jena. Damals, als S., Wohlleben und der Kamerad André K. vor dem Haus Fußball mit S.‘ Neffen afrikanischer Abstammung spielten, dessen Vater "nicht gerade reinen deutschen Blutes ist", wie Klemke anmerkt. Es war die Zeit, als S. auf Wunsch des NSU-Trios und auf Wohllebens Auftrag hin die Pistole Ceska 83 in einem rechten Szeneladen mit Geld besorgte, das Wohlleben ihm gegeben hatte, wie S. aussagte. Später fuhr er mit dem Zug nach Chemnitz, um sie Mundlos und Böhnhardt zu überreichen.

In Klemkes Befragung dreht sich fast alles um die Waffe, es geht um kleinste Details. Der Anwalt will noch einmal wissen, wie der Kauf ablief. S. will von Wohlleben in das Geschäft geschickt worden sein, wo der Verkäufer Andreas Sch. arbeitete. Der hörte sich um und nannte S. beim nächsten Treffen einen Preis – nach dessen Angaben 500 bis 1.000 Mark. S. ist nicht mehr sicher, ob er sich den Kauf daraufhin von Wohlleben absegnen ließ oder direkt zusagte. In dem Fall "hätten Sie Herrn Wohllebens Zustimmung ja nicht gebraucht", sagt Klemke. S. entgegnet, sie hätten vielleicht zuvor ein Preislimit vereinbart.

Auch die Übergabe der Ceska ist Thema: Warum, fragt Klemke, fuhr S. mit einer gefährlichen Waffe im Zug nach Chemnitz, wenn er auch das Auto seiner Mutter hätte nehmen können? "Mir wurde das gesagt, ich hab’s gemacht", antwortet S. "Haben Sie nie nachgedacht, wenn Ihnen jemand was gesagt hat?", erkundigt sich der Anwalt. S. verneint.

Klemke ist ein akribischer Befrager, der die Akten genau studiert hat. Er stellt akkurate Fragen und führt Zeugen aufs Glatteis. Bei S. funktioniert das nicht, er hat immer wieder erwähnt, dass seine Erinnerung in weiten Teilen nur vage ist. Doch dadurch gewinnt Klemke Punkte, die er zu Wohllebens Entlastung auslegen kann. Könnte S. nicht autonomer gehandelt haben, als ihm heute bewusst ist oder er zugeben will? Das ist die Botschaft, die sich durch die gesamte Befragung zieht. Die sorgfältige Untersuchung jeder Erinnerungslücke kann auch ein Versuch sein, S.‘ Glaubwürdigkeit zu zerreiben.