Die Frau mit den blonden Strähnen und dem dunklen Schal legt ihre Hand in die ihres Sitznachbarn. Beide tragen silberne Eheringe. Sie rückt ein Stück an den Mann im roten Pulli heran, dann hakt sie ihren Unterarm bei ihm ein. Sie beginnt zu gestikulieren, redet auf ihn ein. Da öffnet sich die Tür am Kopf des Saals, die acht Richter treten ein. Das Paar steht auf.

Noch nie waren so viele Blicke auf Ralf Wohlleben gerichtet. Er sitzt auf der Anklagebank und ist beschuldigt – als Unterstützer des NSU. Am 50. Tag des Prozesses ist seine Frau Jaqueline als Beistand im Gericht erschienen, während der ganzen Sitzung bleibt sie an seiner Seite. Dass das Ehepaar sich öffentlich zeigt, wirkt wie ein Ausdruck neuen Selbstbewusstseins. Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke und Nicole Schneiders hatten in den letzten Wochen Boden gutgemacht. Vor allem Klemke gelang es, mit detaillierten Fragemarathons selbst versierte Polizeibeamte zu verunsichern – und damit ihre Glaubwürdigkeit anzugreifen.

In dieser Sitzung haben es allerdings weder Wohllebens Anwälte noch die von Beate Zschäpe leicht. Das Gericht befasst sich mit Zeugen zu unterschiedlichen Tatkomplexen – es geht um einen Mord, um den Brand in der Zwickauer Frühlingsstraße, um das Bekennervideo und um die Tatwaffe. Auch für erfahrene Verteidiger ein komplizierter Spagat.

Zu den ersten Zeugen gehört die Chemnitzer Polizeimeisterin Jane S. Sie wertete Notrufe aus, die Feuerwehr und Polizei während des Brands im November 2011 erhielten. Das Feuer in der NSU-Wohnung legte laut Anklage Beate Zschäpe, während sich in der Nachbarwohnung eine alte Frau aufhielt. Deshalb steht sie auch wegen versuchten Mordes vor Gericht.

Doch kein anonymer Notruf von Zschäpe

Von den elf Anrufen ist vor allem jener interessant, der um 15.08 Uhr und acht Sekunden bei der Feuerwehr einging. Denn hier wurde weder eine Telefonnummer übertragen noch ein Gespräch aufgezeichnet. Könnte Zschäpe den Notruf gewählt haben, weil sie in einem Akt tätiger Reue die alte Frau retten wollte? Ihre Verteidiger fragen detailliert nach den technischen Umständen. Sie setzen offensichtlich viele Hoffnungen in den mysteriösen Anruf. Die zerstört die Zeugin jedoch gegen Ende ihrer Aussage: "Wenn gesprochen wird, wird auch aufgezeichnet", sagt sie. Der elektronische Fehler, wie immer er zustande gekommen sein mag, wird wohl kein Trumpf von Zschäpes Verteidigung.

Mit dem zynischen Bekennervideo, das Beate Zschäpe während ihrer Flucht per Post verschickt haben soll, befasste sich der Berliner BKA-Ermittler Moritz S. In seiner Aussage wird deutlich, von welch zentraler Bedeutung das 15-minütige Video und seine zwei Vorgängerversionen für die Indizienkette sind. Die Wühlarbeit der Polizisten in den Trümmern der ehemaligen NSU-Wohnung hat sich demnach gelohnt: Neben etlichen teils adressierten Umschlägen mit weiteren Bekenner-DVDs fanden sie eine Sammlung von Zeitungsartikeln. An zwei Ausschnitten wiesen Experten die Fingerabdrücke von Zschäpe nach.

S. bestätigt, dass bis zu acht der Artikel in den Videoversionen verwendet wurden – als eine Art Trophäe für die Verbrechen. Lässt sich das Gericht überzeugen, dass Zschäpe sowohl mit dem Zeitungsarchiv als auch mit der Videoproduktion zu tun hatte, dürfte der Vorwurf der Mittäterschaft gegen sie erdrückend schwer wiegen.