Ayse Yozgat möchte etwas sagen. Ganz in Ruhe. Vom Blatt abgelesen. Als ihr Mann Ismail am Vortag über seinen Sohn sprach, rastete er aus, schrie durch den Saal. Doch die Frau mit dem seidenen Kopftuch bleibt ruhig. Auf Türkisch verliest sie ihre Erklärung. "Ich bin die Mutter von Halit Yozgat", beginnt sie. Ihr Sohn wurde 2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen, nun sind die Familienmitglieder als Nebenkläger am Prozess beteiligt. Sie wolle einen Appell an "Frau Zschäpe" richten. "Ich denke, dass die Frauen sich gegenseitig verstehen."

Zschäpe drückt den Rücken durch, blickt auf die Projektionswand, wo Frau Yozgats Gesicht zu sehen ist. Sie hört aufmerksam zu, blättert nicht wie üblich auf ihrem Laptop durch Prozessdokumente. "Ich bitte Sie, dass Sie all diese Vorfälle aufklären", sagt Yozgat, es gehe nicht darum, "dass Sie die Sünden von anderen übernehmen". Doch schlafe sie seit sieben Jahren nur noch zwei Stunden pro Nacht, sie wolle nun, dass Zschäpe vorm Zubettgehen an sie denkt. Die Hauptangeklagte reagiert nicht, sie bleibt noch einige Sekunden in ihrer steifen Haltung.

Familie Yozgat ist die erste, die sich mit einer Erklärung selbst im NSU-Prozess zu Wort meldet – und damit ein Signal sendet. Nämlich, dass es in diesem Prozess um Schicksale, um Trauer und Verlust geht.

Die Äußerung von Ayse Yozgat fällt mitten in einen Streit um Prozessformalien: Mehrere Anwälte der Nebenklage liefern sich mit der Bundesanwaltschaft ein Gezerre um 35 Aktenordner, in denen es um den ehemaligen hessischen Verfassungsschützer Andreas T. geht. Dieser war zur Tatzeit in dem Café, in dem Halit Yozgat starb. Weil er nichts bemerkt haben will, galt er zwischenzeitlich als Tatverdächtiger, am Vortag wurde er zum ersten Mal vernommen.

Die Ordner liegen derzeit beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe. Die Anwälte der Nebenklage, Seda Basay, Jens Rabe und Stephan Lucas, forderten am Dienstag, sie zum Teil der Verfahrensakten zu machen und nach München zu bringen. Andere Nebenklagevertreter schlossen sich an. Andernfalls, argumentieren die Juristen, könnten sie den wichtigen Zeugen T. nicht vernünftig befragen. Sie verlangten, T.s Vernehmung müsse verschoben werden, bis die Akten beigeordnet sind. Dazu kam es dann doch nicht – T. trat zwar in den Zeugenstand, wird aber noch ein weiteres Mal geladen.

Brisantes Material in den Ordnern

Die Bundesanwälte weigern sich, die Akten nach München zu schicken, weil sie nicht verfahrensrelevant seien, zudem berührten sie T.s "Sozial-, Privat- und Intimsphäre", sagte Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten. Alle Verfahrensbeteiligten könnten in Karlsruhe in die Ordner schauen – nur habe sich bislang noch niemand die Mühe gemacht. Den Anwälten genügt das jedoch nicht, sie wollen die Dokumente im Prozess griffbereit haben.

In den Ordnern könnte sich brisantes Material finden, wie heute deutlich wird: So geht es etwa um einen V-Mann aus der rechten Szene in Hessen, Benjamin G. Mit ihm hatte sich T. zuvor am Tag des Mords getroffen und auch vier Tage später. Über Aussagen des Informanten berichtet an diesem Tag ein Ermittler des Bundeskriminalamts. G. habe den Verfassungsschützer auf den Mord angesprochen, dieser habe "nervös und ausweichend" reagiert, was sonst nicht seine Art gewesen sei.

Auch Dokumente des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz, also von T.s damaligem Arbeitgeber, sind eingeheftet, ebenso Protokolle von Telefonüberwachungen. Die Anwälte machen weiter Druck, Anwalt Thomas Bliwier kündigt an, dem Senat ein Überwachungsprotokoll zuzuschicken. Er will den Ernst der Lage deutlich machen. Ob die Ordner kommen, entscheidet allerdings allein die Bundesanwaltschaft.

Vielleicht doch nur etwas verwechselt?

Am Nachmittag tritt Günther H. in den Zeugenstand, der Mann von Veronika von A. aus Dortmund. Die Journalistin war am Montag als Überraschungszeugin aufgetreten, weil sie Beate Zschäpe Anfang April 2006 auf dem Nachbargrundstück ihrer Wohnung gesehen haben will – gemeinsam mit Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und dem Nachbarn, den sie als Skinhead beschrieb. Wie seine Frau beobachtete auch H. verdächtige "Grabungen" auf dem Grundstück.

Allerdings können weder A. noch H. überzeugend erklären, warum sie ihre Beobachtungen nach Auffliegen des NSU 2011 nicht der Polizei meldeten. Erst im Sommer 2013 kontaktierte die Zeugin eine Kanzlei von Anwälten der Nebenklage. Beide hätten sich mit ihren Beobachtungen bei der Polizei "nicht richtig aufgehoben gefühlt", sagt der 66-Jährige Historiker, sie seien "ratlos" gewesen. Als Götzl wissen will, woher das Misstrauen rühre, sagt H., er sei nicht so sehr damit befasst gewesen. Zunehmend drängt sich der Eindruck auf, H. habe auch den Berichten seiner Frau nicht ganz getraut. Als sie ihm davon erzählt habe, habe er erst mal abgewunken.

Das Ehepaar ist für Dienstag nach München geladen. Dann könnte sich klären, ob Frau A. doch nur etwas verwechselt hat.