Der Fall der kleinen Maria, die in Griechenland bei einer Roma-Familie lebte, zu der sie nachweislich nicht gehörte, rief einige Empörung hervor. Nun wurden die Eltern Marias ermittelt – sie sind verarmte Roma aus Bulgarien. Die leibliche Mutter soll Maria in einer Notsituation an das griechische Paar verkauft haben.

Der Fall des blonden Mädchens trifft den Nerv der Ressentiments gegenüber Roma: dass sie die eigenen Kinder derart ausnutzen und für wenig Geld weggeben oder sogar anderen abnehmen. Dieses Vorurteil führte in dieser Woche zu einer fatalen Polizeiaktion: In Irland hat die Polizei zwei Roma-Familien ihren hellhäutigen Nachwuchs wegen des Verdachts auf Kindesentführung weggenommen. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die hellhäutigen Kinder sehr wohl zu den Familien gehören.

Auch bei den Bettlern in deutschen Fußgängerzonen gibt es immer wieder den Verdacht, dass es sich um spezifische Roma-Kriminalität handelt. Frauen und Kinder würden von Hintermännern der eigenen Volksgruppe ausgebeutet, heißt es. Gerüchten zufolge machen mächtige Clans im Hintergrund gute Geschäfte mit Bettelbanden, die gezielt in den europäischen Norden geschleust werden. Das ist ein Fall von organisierter Kriminalität, bei der die Schwächsten der Gruppe brutal ausgenutzt werden.     

Dritte Welt zum Anfassen

Auch das nährt das Vorurteil, Frauen und Kinder seien bei den Roma nichts wert. Aber es gibt bisher keine Beweise dafür, dass es diese Ausbeutung durch die eigene Gruppe gibt. In Wien versuchte man mal, ein solch berüchtigtes Roma-Netzwerk zu zerschlagen. Nur fanden die Ermittlungsbehörden das Netzwerk nicht.

"Bei den Bettlern zeigt sich, was passiert, wenn die absolute Armut sichtbar wird. Das ist Dritte Welt zum Anfassen", sagt Rudko Kawczynski, Vertreter der Roma und Cinti Union Hamburg, lakonisch. "Den meisten, die kommen, bleibt nichts anderes als berufsmäßig zu betteln." Einige verdienen auch ganz gut. Das sind jedoch Einzelphänomene.

Für Sozialforscher ist die Vorstellung von großen kriminellen Roma-Clans eine gesellschaftliche Phantasie. "Die Roma leben zumeist in ihrer Kleinfamilie", sagt Michael Stewart, Anthropologe am University College London. "Es kommt auch vor, dass Kinder für eine gewisse Zeit bei Familienteilen oder anderen Familien leben, als eine Art flexible Gemeinschaft." Das verleitet gelegentlich zu Sozialbetrug. "Aber es existieren keine hierarchischen Strukturen innerhalb eines Dorfes oder einer Siedlung", sagt Stewart. Die heutige Lebensweise der meisten Roma entspreche keinesfalls der von organisierten Clans.