Umgekehrt, wenn es um Hilfsprojekte geht, so sind die fehlenden Strukturen innerhalb der Roma-Gruppen sogar häufig ein Problem. Die Roma sind dadurch kaum in der Lage, eine Interessengemeinschaft zu bilden, um Hilfsgelder effizient zu nutzen oder Strukturen zur Selbsthilfe aufzubauen. "Es gibt vereinzelt Gruppen, die grenzüberschreitend auf Diebstahl oder Menschenhandel spezialisiert sind. In der Vorgehensweise unterscheiden die sich aber nicht von anderen polizeibekannten Clans, die in Berlin oder Frankfurt tätig sind. Das sind mafiaartige Abhängigkeitsstrukturen, Roma-typisch ist das nicht. Dennoch gibt es in Europa keine andere Gruppe, die kollektiv derartig stigmatisiert wird", sagt Steward.

In einigen Regionen Rumäniens existiere eine Betteltradition der Roma, die zu der Kultur dazugehöre, beobachtet der Forscher. "Für manche Frauen ist das Betteln dort eine normale Einkommensquelle, in ländlichen Regionen kommt es sogar vor, dass sie im Gegenzug den Bauern helfen und Gelegenheitsarbeiten verrichten." Stewart geht davon aus, dass einige dieser Frauen in Nordeuropa eine gute Möglichkeit sehen, das zu tun, was sie gelernt haben. In einer derartigen Armutssituation ist für die Männer wiederum Kleinkriminalität wie Diebstahl der einzige Weg, um sich über Wasser zu halten. Natürlich verfestigen sich da auch innerhalb einiger Familien kriminelle Verhaltensweisen.

Wundern über Hilfe

Diese ist vor allem Ergebnis einer jahrhundertealten Diskriminierung und Stigmatisierung der Roma durch die Mehrheitsgesellschaft. "Diese Menschen werden seit Langem bewusst verelendet und gesellschaftlich ausgegrenzt", sagt auch der Hamburger Roma-Vertreter Kawczynski. Was oft als ethnische Tradition bezeichnet wird, sei Zeichen einer gesellschaftlichen Verwahrlosung. Sobald dieses Elend auf deutsche Verhältnisse trifft, ist das ein harter Aufschlag – für beide Seiten. Anwohner sind angewidert von der Verwahrlosung der Häuser, in die die Roma ziehen. Die Roma wiederum versuchen das zu machen, was sie am besten können. Die meisten Männer suchen nach einfachster Arbeit und die Frauen gehen mit ihren Kindern auf die Straße.

Es ist es eine rohe Arbeitsteilung, die sich ebenso in Armutsvierteln und Favelas beobachten lässt. Oft geraten die Roma hier jedoch in ein kriminelles Netz von Abhängigkeiten. Die kriminelle Energie liege ganz woanders, sagt Kawczynski. "Meist sind es Schlepper, die selbst keine Roma sind, die mitkassieren oder auch deutsche Firmen, die die Roma unter unwürdigen Bedingungen arbeiten lassen und Scheinrechnungen ausstellen, mit denen die Firmen Steuern sparen. Die nutzen es aus, dass die Roma hier völlig schutzlos sind."

Für Beratungsstellen ist es schwer, an die völlig verunsicherten Menschen heranzukommen. "Die wundern sich dann, dass man ihnen überhaupt helfen will", sagt Kawczynski. Es dauere lange, Vertrauen aufzubauen und sie aus den Abhängigkeiten herauszuholen. Man sollte seine Phantasie über die Romabanden daher ein wenig drosseln, meint der Anthropologe Stewart.

Viele Roma sind dankbar, wenn ihnen geholfen wird, ihre Kinder in Schulen kommen und sie Arbeit finden. Einige wenige betteln lieber und wollen keine Hilfe. Es wäre schon ein Fortschritt, den Einzelnen zu sehen.