Es gibt Geistliche in Rom, die dem Limburger mehr Geschick gewünscht hätten, damit er seine Mission erfüllen kann. Ein wichtiger Prälat aus der näheren Umgebung von Joseph Ratzinger, der anonym bleiben will, bemerkte zum Umgang der deutschen Medien mit Franz-Peter Tebartz-van Elst: "Mit dieser Vorgehensweise könnte man jeden Bischof vor die Tür setzen." Warum traf es dann ausgerechnet den Bischof von Limburg? Die Anhänger Ratzingers in der römischen Kurie sind der Meinung, dass Tebartz-van Elst nicht nur für seine eigenen Fehler an den Pranger gestellt wird, sondern auch dafür, dass er von Benedikt XVI. zum Nachfolger von Franz Kamphaus ernannt wurde, dem fortschrittlichsten Bischof, den Deutschland je hatte.

In den Kreisen, die dem emeritierten Papst am nächsten sind, erinnert man sich an diesen Vorfall: Als der sehr junge Tebartz-van Elst zum Bischof ernannt wurde, erhielt er das Mandat, seine Diözese, die "dem Protestantismus nach 25 Jahren Kamphaus-Ära angeblich zu nahe gerückt" war, wieder "katholisch" zu machen. Es geht also aus Sicht des Vatikans in Limburg um sehr viel mehr als ein aus dem Ruder gelaufenes Bauprojekt: Der Fall Limburg wäre nicht zu dem Skandal geworden, der er ist, wenn sich hinter der Kritik an den übermäßigen Ausgaben nicht noch eine schwerwiegendere Auseinandersetzung verborgen hätte.

Direkt nach der Audienz mit Bergoglio verbreiteten die Anhänger des umstrittenen Bischofs im Vatikan die Nachricht, das Treffen mit Papst Franziskus sei "positiv verlaufen". Tebartz-van Elst selbst beschrieb auf der Homepage der Diözese einige Stunden nach dem Treffen die Stimmung als "ermutigend". Warum "positiv", warum "ermutigend"? Weil wohl die Möglichkeit im Raum stand, Franziskus könne den Bischof ersuchen, auf das Amt zu verzichten, so wie es in Deutschland viele Kritiker wünschten. Doch diesem Wunsch hat der Papst, trotz allem, nicht entsprochen.

In Deutschland wurde die Papst-Entscheidung derweil als das gedeutet, was sie keineswegs ist: eine Beseitigung von Tebartz-van Elst aus dem Amt.

Zu dieser Mehrdeutigkeit hat auch die Kommunikationsstrategie des Vatikans beigetragen, oder genauer das Fehlen einer Kommunikationsstrategie: So wurde die Pressemitteilung erst am späten Vormittag veröffentlicht, als die Nachrichtensender ihre Sendungen bereits im Kasten hatten. Hintergrundinformationen gab es nicht.

Obwohl Tebartz-van Elst nach Meinung der meisten Vatikan-Insider kaum nach Limburg zurückkehren kann, war der Beschluss des Papstes in Wirklichkeit ein Spiel auf Zeit. Zu Recht. Immerhin gibt es eine Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, die mit der Prüfung der Vorgänge betraut ist und gerade erst die Arbeit aufgenommen hat. Es wäre unangebracht, Entscheidungen zu treffen, ohne das Ergebnis der Untersuchung zu kennen. Auch aus Rücksicht auf die Ortskirchen und den deutschen Episkopat konnte der Papst keine andere Entscheidung treffen. Gleichzeitig will der Vatikan wohl das Urteil des Hamburger Gerichts im Strafverfahren wegen einer angeblichen Falschaussage von Franz-Peter Tebartz-van Elst abwarten.

Franziskus wie auch dem Heiligen Stuhl missfällt es, drastische Entscheidungen unter dem Druck der Medien zu treffen. Das war auch schon unter Benedikt so. "Es ist deshalb nötig, dass sich die Wogen glätten, dass ein bisschen Ruhe einkehrt", wiederholen Stimmen aus dem Vatikan, "und es ist nötig, dass der Limburger Bischof sich eine Auszeit nimmt für Entspannung und Reflexion. Danach, wenn die Ergebnisse der Kommission bekannt geworden sind, wird man sehen."

Ein wichtiges Detail sollte dabei nicht außer Acht gelassen werden: Die Akte über Tebartz-van Elst ist von der Bischofskongregation verwaltet worden, die wiederum führt der kanadische Bischof Marc Ouellet. Der Papst und der Heilige Stuhl gehen davon aus, dass der Limburger Bischof zurzeit nicht imstande ist, seine Diözese zu führen. Ein Sachverhalt, den Tebartz-van Elst gegenüber Ouellet selbst zugegeben hat. Daher muss etwas geschehen. Der Bischof muss Hilfe annehmen und sich ändern. Sonst ist eine Rückkehr unmöglich.

Der Jesuit Pater Bernd Hagenkord, Direktor der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, hält die Pressemitteilung für ein Zeichen des Vertrauens gegenüber der Deutschen Bischofskonferenz. Sie sei absichtlich so formuliert worden, dass sie alle Möglichkeiten offenlässt in Erwartung der Untersuchung in Limburg. Aber Hagenkord fügte auch hinzu: "Die letzten Wochen waren von Emotionen und Verstörung gezeichnet. Das Vertrauen (in den Bischof von Limburg, Anm. d. Red.) hat gefehlt, auch vonseiten der engsten Mitarbeiter. Die Dinge können so nicht weitergehen." Das sei klar. "Es ist schmerzhaft, besonders für die Menschen in Limburg. Aber auch bei uns quillt das E-Mail-Postfach über mit E-Mails von Menschen, die enttäuscht, frustriert und wütend sind."

Übersetzung: Anna Plassmann

Erschienen in Christ und Welt