Jeden Mittag, pünktlich um zwölf, schließt er die Tür seines Ladens auf, hievt das knallige Schild auf die sandige Straße, "Souvenirs" steht da drauf, in Englisch, Deutsch, Italienisch. Dann lehnt er sich über den Tresen, faltet die Hände zusammen, und wartet auf Kundschaft, oft so lange, bis die Dunkelheit anbricht – doch niemand kommt mehr. Seit Monaten bleibt seine Kasse leer. "Früher wurde unser Dorf von Touristen überrannt", sagt Tamer Elhelwa, ein kräftiger Mann mit tiefer Stimme. "Jetzt verkaufe ich nichts mehr." Trotzdem sei sein Laden immer geöffnet. "Ich hoffe jeden Tag auf Kundschaft."

Elhelwas Shop liegt im Zentrum von Al-Qusair, einer kleinen Hafenstadt am Roten Meer, 130 Kilometer von Hurghada und mehr als 400 Kilometer von Kairo entfernt. Einst war Al-Qusair ein beliebter Ausflugsort für die Touristen aus den umliegenden Resorts und Feriencamps, die die Strände entlang der Buchten säumen. Die Besucher flanierten die schattige Promenade entlang, tranken Dattelsaft und bevölkerten die holzvertäfelten Restaurants am Pier. Heute herrscht im Ort karge Eintönigkeit. Die Schaufenster geben den Blick frei auf ausgeräumte Regale, Rollläden sind heruntergelassen, der heiße Wüstenwind fegt Plastiktüten durch die Luft, am Wegesrand stapelt sich der Müll. Auf dem Basar, wo sich sonst Obst- und Gewürzstände aneinanderreihen, herrscht gähnende Leere.

"Alle Einwohner haben Schulden", sagt Tamer Elhelwa. "Kaum einer kauft noch etwas. Es ist schlicht kein Geld mehr im Umlauf." Und dann erzählt er davon, wie die Familien, oft bis zu zwanzig Personen, ihre Ersparnisse untereinander aufteilten. Wie Männer, die vorher große Reisegruppen zu den angrenzenden Plateaus oder Korallenriffs führten und drei, vier Sprachen sprechen, nun Kutter mieteten, um Fische zu fangen, damit "überhaupt etwas auf den Tisch kommt". "Die Menschen im Westen glauben, in ganz Ägypten herrscht Krieg", sagt Elhelwa und räumt den Stapel mit Postkarten beiseite. "Dieser Irrglaube ruiniert unser Land."

"Nur die harte Hand der Armee kann helfen"

Tatsächlich stehen seit Ende Juni, seit die Staatskrise ausbrach, nahezu alle Hotels in Ägypten leer. Nach der Entmachtung von Präsident Mohammed Mursi ging die Zahl der Urlauber landesweit um 25 Prozent zurück, allein im Juli schwand die Zahl der Übernachtungen offiziellen Angaben zufolge um vierzig Prozent. Der große Einbruch erfolgte im August und September: Nach der gewaltsamen Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo, in deren Folge fast tausend Menschen umkamen, hagelte es weltweit Reisewarnungen für Ägypten. Mit dramatischen Folgen, zählt doch der Tourismus zu den wichtigsten Einnahmequellen. Jeder fünfte Ägypter ist direkt oder indirekt von ihm abhängig.

Auch wenn viele Länder ihre Reisewarnungen mittlerweile gelockert haben: Nicht wenige Ägypter verstehen das Ausbleiben der Ausländer als politisches Kalkül, als Warnung des Westens an die neuen Herrscher am Nil, allein seinen, sprich demokratischen Regeln zu folgen. "Dabei kann uns nur die harte Hand der Armee helfen", sagt Omer Ahmed, weißes Hemd, schwarze Hose, und wischt über die gräuliche Tischdecke. "Nur sie bringt uns die Touristen wieder."

Ahmed hatte zuletzt als Ausbilder in einem Tauchzentrum außerhalb des Dorfes gearbeitet. Im Juli wurde der Betrieb eingestellt und ihm, wie fast allen Kollegen, gekündigt. Seither betreibt Ahmed das Restaurant seines Vaters am Ortsausgang von Al-Qusair. Ein Einkommen verschaffe ihm das momentan nicht, schließlich, sagt er und deutet auf die leeren Plastikstühle im Garten, passiere niemand mehr den Ort. "Weder Reisende noch Hotelangestellte noch Tourmanager." 

Und doch: Ahmed glaubt fest daran, dass Ägypten auf dem richtigen Weg ist. "Polizei und Armee patrouillieren in den Städten und in Nord-Sinai. Sie nehmen alle fest, die Streit suchen", sagt er und räumt die unbenutzten Teller in das Regal. Er senkt die Stimme. "Ägypten muss von den Islamisten gesäubert werden. Dann kommen auch die Urlauber wieder." Seine Meinung teilen viele hier. Allein Mursi habe die Ausländer vergrault, sagen die einen, habe er doch Alkohol und Bikinis verbieten wollen und so das Image Ägyptens ruiniert. Die Armee tue das Nötige, um die Sicherheit wiederherzustellen, raunen andere.